Sonntag, 1. Juni 2008

Im Herzen der Stadt

Code Delphi. Hier anfangen.
Als ich zum letzten Mal in Berlin war, wurde Geschichte geschrieben. Die Mauer hatte sich gerade auf wunderbar friedliche Weise geöffnet, die atomare Apokalypse war ausgeblieben und die Menschen schauten verwundert auf ein unbekanntes Land namens Zukunft, in dem mit einem Mal vieles möglich schien, das zuvor undenkbar gewesen war. Es war eine spannende Zeit. Wie so oft, hat uns die Geschichte in der Zwischenzeit wieder oft überrascht und die Träume von der Zukunft unter der Realität begraben.

Siebzehn Jahre später bin ich wieder in Berlin. Wieder, um den Teil meiner Familie zu besuchen, der hier lebt und den ich nicht so oft sehe, wie ich gerne möchte. Wieder, um die Stadt zu erkunden, mit der ich mich verbunden fühle, weil sie durch meine Herkunft auch ein Teil in mir ist. Aber dieses Mal fühle ich mich erst recht als Fremder. Als ich am Alexanderplatz aus der U-Bahn steige, betrete ich diesen so, als sei ich nie zuvor hier gewesen. Die Realität verspottet meine Erinnerungen. Natürlich war ich darauf vorbereitet, daß sich einiges verändert hat. Tatsächlich erkenne ich nur die Wahrzeichen wieder. Fernsehturm und Neptunbrunnen. Aber der Rest?

Während die Sonne aus einem wolkenlosen blauen Himmel herableuchtet, entschließe ich mich, mit meinem Bruder eine Stadtrundfahrt in einem Doppeldecker zu machen. Und prompt werden wir von einem Marktschreier, der auch auf Sankt Pauli gut aufgehoben wäre, zu einem Bus gelost. Minuten später thronen wir über dem Straßenverkehr, lassen uns eine Sommerbrise um die Nase wehen und treten die Fahrt durch das neue Berlin an. Einmal um den Alexanderplatz. Meine Kamera macht hier und dort Touristenfotos. Dazu Historisches, Banales, Kurioses und Wirtschaftliches vom bilingualen Touristenführer. Dann Unter den Linden, Berliner Dom, Museumsinsel, die Stahlruinen eines Gebäudes, das früher einmal der Palast der Republik gewesen ist. Ich erinnere mich, daß ich einst vor diesem Gebäude stand und mit einem Kumpel Faxen machte. Irgendwo zu Hause habe ich ein Bild davon. Jetzt fertigte ich ein Update an. Klick. Amerikanische Botschaft. Davor eine Demo, so als hätte die politische Linke beschlossen, ihren Betrag zu unserem Touristenprogramm zu leisten und zu beweisen, daß in dieser Stadt imme rnoch quergedacht wird. Wogegen sich der Protest genau richtet, ist nicht zu erfahren. Meine Kamera klickt hier und da. Dann hält der Bus für eine Pause. Mein Bruder und ich machen uns zu Fuß auf durch das Brandenburger Tor. Natürlich schreiten wir mitten hindurch, so wie es sich gehört. Als Nachahmung des historischen Gefühls sozusagen. Dahinter erwartet uns eine Fahrradralley, die zu dem Touristenprogramm noch einen sportlichen Aspekt hinzuaddiert.

Rechts herum geht..s zum Reichstag. In meiner ganz persönlichen Erinnerung eine dunkelgraues Gebäude. Auf Fotos wird der strahlendgraue Bau nicht ganz so imposant wie in der Realität. Ich denke bei mir, daß man sich im Angesicht dieser riesenhaften Säulen entweder ganz klein vorkommt oder einen Vorgeschmack der Macht spürt, die dieses Gebäude über 80 Millionen Menschen hat. Wahrscheinlich muß man letztere Empfindung haben, um hier arbeiteten zu können. Dann fällt mein Blick durch eine großzügig, aber irgend schlichte Park-Springbrunnen-Anlage auf das Kanzleramt, das sehr futuristisch wirkt. Auch ein Ort der Macht. Und jetzt fällt mir auf, wie verschwenderisch viel Platz zwischen den einzelnen Gebäuden ist. Jedes steht für sich. Keines lenkt vom anderen ab. In einer Großstadt würde man solche Großzügigkeit eigentlich nicht erwarten. Aber im Herzen der Stadt gelten andere Regeln. Plötzlich kommt mir dieses Viertel bei aller architektonischen Gradlinigkeit und Nüchternheit sehr pompös vor. Abgehoben. Weit weg von mir.

Der Weg zum Hauptbahnhof bestätigt diesen Eindruck. Grünflächen überall. Grillen verboten. Nur gucken, nicht anfassen. Die Straße, die vor dem Hauptbahnhof kreuzt, trägt keinen Zebrastreifen. Vielleicht weil nur das Volk diesen Weg nimmt.

Dann der Hauptbahnhof. Wie auf der grünen Wiese abgeworfen, aus einen pratchett..schen Glaskugel geschlüpft. Stahl und Glas. Postmodern. Gewaltig. Und wieder pompös. Hier hat sich ein Stück Zukunft materialisiert. Ein Traum für Menschen, die es gerne urban haben. Drei Ebenen, unzählige Shops, Gleisen, die aus allen Teilen des Landes an diesen Ort führen. Herzkammer.

Mein Mittagessen besteht aus den drei süssesten und besten Doughnuts meines bisherigen Lebens, mein Nachmittagsprogramm aus Siegessäule, Schloß Bellevue, Tiergarten, Zoo und Kürfürstendamm. Plattenläden, Saturn und dem KaDeWe, dessen enttäuschende Neuauflage mich einer weiteren schönen Jugenderinnerung beraubt.

Erst auf dem Heimweg fällt mir ein, daß ich einen Ort nicht besucht habe, den ich eigentlich ganz oben auf meiner Liste hatte. Mein Bruder muß am nächsten Morgen zurück nach Hamburg. Ich werde den Ort daher allein besuchen müssen. Aber es wird sich herausstellen, daß das keine schlechte Fügung für mich ist. Den Abend verbringe ich im Kreis meiner Familien, mit Geschichten aus alter und neuer Zeit.

Am nächsten Tag bringe ich meinen Bruder zum Bahnhof Südkreuz und mache mich dann allein auf zum Potsdamer Platz. Wieder scheint die Sonne, aber ich habe eine Gänsehaut, weil der Wind schon neue Kühle mit sich bringt. Am Potsdamer Platz angekommen, erwartet mich eine neue Wunderwelt. Dieses Mal der Wirtschaft mit dem Sony Center mit seiner Gastronomie und Unterhaltungseinrichtungen. Ich mache ein Foto vom Lego Discovery Center und dem kathedralenhaften Innenraum. Ich staune darüber, wie hier aus dem Nichts eine weitere Herzkammer entstanden ist, mit Hotels, Bürogebäuden und und und. Meine Kamera klickt.

Dann mache ich mich auf den Weg. 350 Meter sind zu gehen.

Zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Schließlich kann ich sie sehen. 2.711 Stelen aus Beton. Klick. Quarder, die aus dem Boden ragen. Ich sehe sie, wie sie einer Welle gleich über den Boden schwappen und nähere mich ihnen. Tatsächlich ist es so, als würde man ein Meer aus Stein betreten. Zunächst kommt eine sanfte Dünung, die einem die Füße umspielt. Ich ärgere mich trotzdem über den jungen Burschen, der von Stein zu Stein bringt, grinsend die Arme ausbreitet und sich von seinem Kumpel ablichten läßt. Ich gehe rasch weiter. Das Wasser steigt, geht bis zum Knie, über die Hüfte, schlägt mir über dem Kopf zusammen.

Die Geräusche aus der Stadt sind mir plötzlich sehr fern. Gerade noch hatte ich die Stelen, jetzt haben sie mit einem Mal mich. Der Himmel ist nur noch ein schmaler Streifen, jede Himmelsrichtung besteht nur noch aus einem gerade mannbreiten Schlitz. Hier ist Enge. Ich bin umzingelt, bedrängt. In der Falle. Vielleicht haben sich diejenigen, denen das Denkmal gewidmet ist, ähnlich gefühlt. Vielleicht haben sie sich keine Gedanken gemacht, daß die Welle, die da so langsam auf sie zurollte, sie verschlingen würde. Sie kam nicht plötzlich, sondern langsam. So daß man sich zwischendurch einreden konnte, es werde nicht so schlimm. So daß man eingelullt wurde. Bis es zu spät war.

Zwischen den Stelen gibt es keinen geraden Boden. Die Wege führen auf und ab, so daß meine Schritte unweigerlich tiefer und tiefer hinab in das Schweigen zwischen die Betonblöcke gelenkt werden. Als ich einen berühre, spüre ich keine Hitze und keine Kälte. Nur Glätte. Hier gibt keine Zeichen, keine Erklärung. Meine Fragen bleiben unbeantwortet. Wer hätte damals schon eine Antwort nach dem Warum gegeben?

Eine Antwort auf diese Frage finde ich unter der Erde im Ort der Information, der über eine Treppe im Stelenfeld zu erreichen ist. Hier unten ist wieder mehr Platz. Aber die Stelen sind in der Decke als Vertiefungen präsent, und mitunter ragen sie in diese Ausstellung herab. Als Steinblöcke, auf denen Familienschicksale beschrieben werden. Als Lichtflecken, die Briefe, Notizen und Tagebuchaufzeichnungen der Opfer beleuchten. Ich fühle mich wie in einer Gruft. Hier ruht die lebendige Vergangenheit. Die einzelnen Räume beschreiben jeder auf seine Weise die Dimension des einzigartig abscheulichen Verbrechens. Hier unten finden sich die Antworten.

Im Raum der Namen stehen nur einige Sitzbänke. Der Raum ist dunkel. An den vier Wänden leuchten die Namen der Opfer mit ihren Lebensdaten auf. Zu jedem trägt eine Stimme aus der Dunkelheit ihr kurze Lebensgeschichte vor, um die Erinnerung an jene weiterzugeben, die niemanden mehr haben, um das zu tun. Unter den etwa sechs Millionen jüdischen Opfern sind ganze Familien. Mit ihnen ist die Möglichkeit gestorben, sich durch mündlich überlieferte Geschichten an die Vorfahren zu erinnern. Auch das war ein Plan der Täter. An diesem Ort schweigen diese. Vielleicht ein stiller, später Sieg ihrer Opfer.

Als ich in der Dunkelheit sitze und zu den Namen mehr über den Menschen erfahre, sind mir die Toten mit einem Mal sehr nahe. Mir wird bewußt, wieviele wunderbare Möglichkeiten mit ihnen gestorben sind und ihnen auf Erden nachfolgen, wieviel Schmerz ihr Tod mit sich brachte. Für sie. Für ihre Angehörigen. Für alle, die von ihnen hören. Die Zahlen werden zum Einzelfall. Und jeder Einzelfall zu einem Verbrechen, mit allen Konsequenzen für die, welche davon hören. Jeder, der diese Geschichten hört, kann daraus lernen, wenn er zuhört. Über Verantwortung, über den Umgang mit seinen Mitmenschen, über die Grenzen des menschen Handelns.

Hier unten im Herzen der Stadt werde ich wieder geerdet.

Das vorletzte Bild, das ich mache, zeigt die Stelen und in der Ferne den Reichstag.

Das letzte Bild mache ich von meiner Familie. Dann ist der Film voll.
Code Delphi. Hier aufhören.
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