Donnerstag, 18. Februar 2010

Das Mächen spielt mit dem Feuer

Code Delphi. Hier anfangen.
Nachdem ich nach dem Kinobesuch von Verblendung Feuer für die "Millennium"-Trilogie von Stieg Larson gefangen hatte, dauerte es zwar ein bißchen, bis ich mir von einem Freund die beiden Nachfolger zur Lektüre ausgeliehen habe. Dafür habe ich sie dafür umso schneller verschlungen. Obwohl ich zwischendurch die eine oder andere Zwangspause eingelegt habe, um mir vor Spannung nicht den Magen zu verderben.

Denn in Verdammnis (im Original: Flickan som lekte med elden; also: Das Mädchen spielt mit dem Feuer) gerät Larssons originell emanzipierte Frauenfigur Lisbeth Salander schon bald unter Feuer. Und zwar von Seiten der Presse und der Polizei. Denn sie wird der Ermordung dreier Menschen beschuldigt und bald vorverurteilt. Allein Mikael "Kalle" Blomkvist glaubt an ihre Unschuld, zumal er über eine Rechersche seiner Zeitschrift "Millennium" in den mysteriösen Mordfall verwickelt wird und damit bald Hintergründe erkennt, welche sowohl der Presse, die Lisbeth rasch als "psychisch gestörte satanische Lesbe" abstempelt, als auch der Polizei, die durch innere Machtkämpfe und Behinderungen von Seiten anderer Regierungsstellen gelähmt wird, entgehen. Die Spur führt in die Vergangenheit der genialen Hackerin. Und damit geradewegs in eine neue, fast noch schwärzere Dunkelheit als jene, die sich bereits in Verblendung über Schweden legte. Während Larsson in Band 1 noch mit einer Mischung aus Serienmörder-und Witschafts-Krimi seine Leser schockierte und fesselte, entfaltet sich Band 2 als Spionage-Krimi und Familien-Drama mitsamt Anleihen an Quentin Tarantinos Kill Bill und einer zünftigen Verschwörung innerhalb der Regierung. Oder zumindest eines kleinen Zirkels innerhalb der Regierung. Da wundert es dann nicht, dass das ungeleiche Ermittler-Paar mitunter an die beiden Agenten aus den X-Files erinnert. Auch wenn weder Scully noch Mulder jemals so glaubwürdig unter Mordverdacht standen wie Lisbeth. Denn Larsson sät sogar im Leser Zweifel, ob nicht doch die eigensinnige Punkerin für die Taten verantwortlich ist. Und verschafft ihr im gleichen Atemzug wiederum Sympathien, wenn er sein Thema von Männern aufnimmt, die Frauen hassen und ihnen deshalb die erbärmlichsten und die scheußlichsten Dinge antun. Ob es Pressevertreter sind, die Anderssein nicht akzeptieren können, Polizisten, die mit Machoallüren ermitteln oder Ehemänner, die ihre Frauen unterdrücken - stets wird der Männerwelt ein Spiegel vorgehalten, der sie in wenig schmeichelhaftem Licht zeigt. Da Larsson gerade dabei aber stets im Rahmen des Realistischen bleibt, ist seine Sozialkritik stets treffend und berechtigt.

Die Spionage-Story hingegen gerät mitunter an den Rand von abgedrehten James-Bond-Geschichten. Vielleicht ist das aber auch dem Thema selbst geschuldet. Denn in der ruhigen und insgesamt gelungenden Verfilmung wirken viel der Szenen auch weniger aufgekratzt und reißerisch als im Buch. Diese Bodenständigkeit ist auch der besonderen Gabe von Michael Nyqvist und Noomi Rapace zu verdanken, welche die beiden außergewöhnlichen Vorlagen mit wahrem Leben füllen. Leider versäumt es der Film, sowohl der Arbeit der Polizei als auch der Treibjagd der Presse den entsprechenden Raum zu geben, die einen beträchtlichen Teil der Spannung und der Aussage des Buches ausmachen. So bleibt zwar ein sehenswertes Drama, aber der Krimi- und Sozialkritikanteil bleibt etwas auf der Strecke.

Und das mindert die Hitze des Feuers, mit welcher das Mädchen so eindrucksvoll und kühn spielt, dann doch etwas.
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Donnerstag, 11. Februar 2010

Über Glatteis in den Orient

Code Delphi. Hier anfangen.
Daß mein Leben außerhalb von Computerspielen und Pen&Paper-Rollenspiel nicht ständig voller Abenteuer wimmelt, ist eigentlich ganz nach meinem Geschmack. Ich bin nämlich eher der vorsichtige und bedachte Typ. Aber mitunter kann auch der Besuch eines - wenn auch ziemlich außergewöhnlichen - Restaurants zu einer aufregenden Angelegenheit werden.

Etwa wenn eine Millionenstadt vor dem Winter kapituliert.

Letzterer hat sich ja etwa seit Weihnachten sehr eindrucksvoll zurück in Erinnerung gerufen. Dabei hatten ihn einige Klimaforscher schon sorgenvoll abgeschrieben. Und wie das mit unerwarteten Comebacks so ist, überfordert das plötzliche Erscheinen des Totgeglaubten. Zumindest dann, wenn er es nicht nur bei einem Kurzauftritt beläßt, sondern es sich auf der Bühne so richtig gemütlich macht. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum in Hamburg statt hanseatisch-akurater Straßen und Weg eine Eiswüste auf den Fußgänger wartete, die Nordend alle Ehre gemacht hätte.

Und mitten drin ein Geburtstagskind und eine illustere Gästeschar: ich war zu einem Besuch im Le Marrakesh eingeladen, genauer gesagt zum dortigen "Arabischen Abend". Nun ist dieses Restaurant in einer etwas eigentümlichen Lokationen untergebracht. Nämlich in einem Möbelhaus. Und die liegen selbst in Hamburg noch nicht notwendigerweise in der Innenstadt - trotz aller Pläne für IKEA in Altona. Sondern in Gewerbegebieten, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln eher schlecht zu erreichen sind. Also mußte die Strecke von der Busstation zum Zielort zu Fuß zurückgelegt werden. Zwei, drei Kilometer. Für gewöhnlich ein netter Spaziergang. Aber bei spiegelblanken Eisflächen und festgefrorenen Schneeflächen eher ein - Abenteuer. Zumal tatsächlich kein Stück des Bürgersteiges bestreut, geschweige denn geräumt worden war. Die Stadt war nur zum Teil begehbar, zum großen Teil aber ebenfalls kaum befahrbar. Schnell fühlte ich mich nicht wie im Herzen Europas, sondern in einer verlassenen russischen Kleinstadt. Meine Laune verbesserte sich nicht gerade, als ich durch eine Unachtsamkeit wegrutschte und einem würdelosen Hinschlagen gerade noch durch ein Abfangen des Sturzes mit Händen und Knien entging.

Doch dann tauchte im Halbdunkel der hereinbrechenden Nacht das erste Hinweisschild des Möbelhauses auf. Und schließlich erreichten wir einen schnee- und eisfreien Pfad, einladend mit Lampen beleuchtet. Und traten ein in die ehemalige Fabrikhalle.

Und fanden uns in Tausend-und-einer-Nacht wieder.

Denn im Halleninneren waren die Wände wie bei einer Filmkulisse mit weißgetünchten Mauern verkleidet, so daß der Eindruck entstand, sich mitten auf einem Basar zu befinden. Es war warm, es war hell erleuchtet. Es dauerte eine Weile, bis ich überhaupt Einzelheiten wahrnehmen konnte. Denn überall standen und hingen bunte Lampen und Kerzenhalter. Tische und Regale waren reich gefüllt mit farbigem Geschirr, entzückenden Kleinigkeiten und Handwerkskunst. Und das alles mit dem sinnfrohen arabischen Überschwang. Spätestens nach dem Begrüßungsdrink war meine Laune deutlich aufgeheitert.

Und nachdem die letzten Nachzügler eingetroffen waren, wurde dann auch von der Inhaberin wortreich das Büffet eröffnet. Ich war bereits darauf eingeschworen worden, unbedingt die Vorspeisen zu kosten. Aber ich habe nur einen Teil der 25 (!) Vorspeisen angetestet. Möhren in Rosenwasser. Thunfisch in verschiedenen Zubereitungsformen. Schafskäse. Und jedesmal explodierte in meinem Mund ein Gewürzcocktail. Mild, scharf, würzig. Einfach köstlich. Aber mit Worten eigentlich nicht zu fassen.

Später machte ich eine kleine Essenspause und es mir in einem künstlichen Kellergewölbe gemütlich. Auf verschwenderisch mit Kissen bedeckten Steinbänken. So ein Kellergewölbe könne Dir gefallen, dachte ich bei mir. Dann würde sich auch die Anschaffung einiger der zahllosen Steh-im-Wegs lohnen, die in gewöhnlichen Wohnungen eher verloren und deplaziert wirken würden.

Und nachdem der Besuch mit einer eleganten und talentierten Bauchtänzerin und herrlichem süßem Nachtisch ausgeklungen war, kehrte das Abenteuer in mein Leben zurück. Denn der Rückweg über Schnee und Eis harrte unser.

Zum Glück hat uns der bestellte Taxifahrer schließlich doch gefunden. Denn manche Aufregung umgeht man doch besser beim zweiten Mal.
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