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Was in Verblendung mit einem düsteren Serienmörder-Plot begann, sich in Verdammnis zu einer politischen Verschwörungsgeschichte ausweitete, findet in Vergebung (im Original: Luftslottet som sprängdes, also: Das Luftschloß, das gesprengt wurde), dem dritten und (zumindest vorerst) letzten Teil der Millenniums-Trilogie seinen Höhepunkt als sattelfestes Gerichts-Drama. Für Lisbeth Salander geht es um nicht weniger als ihre Freiheit und ihr Selbstbestimmungsrecht, während ihr Freund und Verbündeter Mikael "Kalle" Blomquist schon bald um Reputation und Leben fürchten muss.
Die Frage, ob (und wenn ja, wie) es den beiden rechtzeitig gelingt, die Intrigen der Verschwörer innerhalb der Sicherheitspolizei aufzudecken und der Gerechtigkeit zu einem späten Sieg zuverhelfen, hält nicht nur die Leser, sondern auch die Zuschauer der Verfilmung in Atem. Denn angesichts der Skrupellosigkeit des Gegeners auf der einen und der erdrückenden Beweislast gegen Lisbeth auf der anderen Seite erscheint ein Sieg nahezu aussichtslos.
Allerdings deuten sowohl der deutsche Kurztitel als auch der Originaltitel bereits an, daß der Abschluß der Trilogie durchaus ein positiver werden könnte. Und Stieg Larsson ist mit den Vorgänger-Bänden nicht nur als kritischer Beobachter der (schwedischen) Gesellschaft, der Männer- und Medienwelt mit ihren Ritualen aufgefallen, sondern auch als Moralist. Anstand, Moral und Rechtschaffenheit stehen also nicht zwangläufig in zynischer oder pessimistischer Weltsicht auf verlorenem Posten. Tatsächlich kehrt die Geschichte im Rahmen der gerichtlichen Aufbereitung etwas mehr in die Lebenswirklichkeit des Lesers zurück, für den ein spektakulärer Mordprozess zwar keinen Alltag darstellt, aber nachvollziehbarer ist als eine Agentengeschichte aus dem kalten Krieg. Dem steht nicht entgegen, daß sich die Drahtzieher der Verschwörung gegen Lisbeth Drogenschmugglern bedienen, um auf diese Weise der Gefahr durch den mutigen Journalismus der Millenniums-Redaktion zu begegnen. Das ist insbesondere dem Umstand geschuldet, daß es Larsson gelingt, die schockierenden Handlungsfäden aus den Vorgängern in die Handlung und den Gerichtsprozeß einzuflechten, daß diese mehr werden als bloß Einzelhandlungen, die Extreme der Gesellschaft darstellen und beklagen sollen. Die Motive hinter diesen Taten erscheinen in diesem großen Zusammenhangen nicht nur klarer, vielmehr auch deutlich als Teil des Systems, daß nicht nur die Täter hervorbringt, sondern ihnen auch einen Deckmantel verleiht, unter welchem sie ihre Taten begehen können. Fast noch bewegender ist aber die Entwicklung von Lisbeth Salander, die nicht mehr umhinkommt, sich einzugestehen, daß sie nicht alle Probleme alleine bewältigen kann und ihr nicht alle Menschen Böses wollen.
Es spricht zudem für die Qualität der Serie, daß sie sich nicht darauf beschränkt, Mikael und Lisbeth zu Kämpfer für die Gerechtigkeit zu stilisieren, sondern eine Vielzahl von Figuren zeichnet, die im Bereich des menschlichen Graus zwischen Hell und Dunkel versuchen das Richtige zu tun. Und daß sie zudem die Werkzeuge dazu bereitlegt, die für bereits Menschen hilfreich sein könnten, ohne ständig die Moralkeule zu schwingen oder das Scheitern an diesen Ansprüchen pauschal zu verdammen. Dies wird insbesondere in der - für den Film aus Zeitgründen komplett geänderten - Nebenhandlung deutlich, in welcher die Herausgeberin von Millennium auf ihrem neuen Posten bei einer großen schwedischen Zeitung gegen ein Hassmännchen und verkrustete Strukturen kämpft, die sie eigentlich im Auftrag ihrer Arbeitgeber abschaffen soll. Daß ein Sieg ihr nur zum Teil gelingt, ist dabei nicht Zeichen von Schwäche, sondern von Menschlichkeit und Realismus.
Nicht jedes düstere Luftschloß kann von heute auf morgen gesprengt werden. Manchmal sind mehrere Versuche notwendig. Aber am Ende vermag dann nicht nur ein aussichtsloser Kampf gewonnen sein, sondern auch eine Brücke zu einem anderen Menschen geschlagen sein. Wenn auch auf eine ganz eigene Art und Weise. Und dennoch so, daß das Verblendung und Verdammnis Vergebung wird.
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