Dienstag, 9. Dezember 2008

Mystery-Serien - ergründet... (Teil 1)

Code Delphi. Hier anfangen.
Schon Jahre bevor Pro7 den Mystery-Monday erfand und damit einem Serien-Genre einen neuen Stempel aufdrückte, war ich ein Fan von allen Serien, die sich mit dem Übernatürlichen und Ungewöhnlichen beschäftigten. Wer hätte das nicht gedacht? Und wie es sich nun einmal bei solchen Serien gehört, werde ich mich hüten, auf allzuviele Details einzugehen. Denn inzwischen sind die meisten Serien auf DVD erschienen. Wer die hier vorgestellten noch nicht gesehen hat, sollte dies mit so wenig Vorwissen wie möglich tun... das macht für mich den Reiz des Genres aus.

Die erste Serie, die mich im Hinblick auf diese beiden oben genannten Aspekte dauerhaft überzeugen konnte und deren Wirkung bis heute anhält, war und ist David Lynchs und Mark Frosts Twin Peaks (auf deutsch zunächst unter „Das Geheimnis von Twin Peaks“ ausgestrahlt). Für den Anfang der neunziger Jahre war diese Serie mit ihrem klugen Crossover aus Krimi, Soap Opera, SciFi und Horror/Grusel geradezu bahnbrechend und natürlich hochgradig kultverdächtig. Dazu paßte es nur allzu gut, daß Sat1 damals einen der ersten handfesten Skandalen im jungen Privatfernfernsehen auslöste, indem es den Mörder der jungen Laura Palmer auf ihrer Teletext-Seite spoilte. Wobei das unerfreuliche und unerwünschte Spoiling damals freilich noch nicht als solches bezeichnet wurde. Es sprach auch niemand von Mystery, wenn er versuchte, das Phänomen Twin Peaks zu beschreiben. Die Serie war aufgrund ihrer ungewöhnlichen Musik, ihrer dunkelromantischen und zeitlosen Optik, der außergewöhnlich gezeichneten Charaktere und dem komplexen Plot sowieso nur schwer zu fassen. Viele der Zuschauer ließen sich von der Frage, wer die Homecoming Queen ermordet und in Plastikfolie eingewickelt hatte, jedenfalls so ablenken, daß sie die Serie wegen des oben genannten Spoilers und der mit weiterer Spoilerei verbundenen Berichterstattung entweder gar nicht schauten oder der Serie den Rücken kehrten, als der Mörder schließlich entlarvt wurde – obwohl das Mysterium damit erst seinen Anfang nahm. Ursprünglich hatten die Herren Lynch und Frost auch gar nicht geplant, daß der Mörder überhaupt entlarvt wurde. Für sie war die schreckliche Bluttat eigentlich nur ein Aufhänger, um die Auswirkungen der Tat auf die Gemeinschaft und die Abgründe der Bewohner von Twin Peaks auszuleuchten. Für die Fans der Serie waren dann auch die vielen durchdachten, absonderlichen und überraschenden Nebengeschichten der eigentliche Grund, der Serie die Treue zu halten. Erst auf Druck des Fernsehsenders hin wurde die Aufklärung wirklich durchgezogen. Als schließlich nach zwei Staffeln das Ende von Twin Peaks eingeläutet wurde, sorgten die Autoren für einen Cliffhanger, der die Serie endgültig unsterblich werden ließ. Denn selten in der Geschichte des Fernsehens endete eine Serie so verstörend und so überraschend und ließ den Zuschauer mit sovielen Fragen zurück. Noch heute diskutieren Fans die letzte Folge ausgiebig im Internet und stören sich keinesfalls daran, daß sie eine Antwort auf ihre Fragen wohl nie bekommen werden. Denn das Faszinierende an einem Mysterium ist schlielich die Frage und nicht die Antwort.

Daß die Antwort irgendwo da draußen ist, lehrte mich die zweite große Serie der Neunziger, durch die der Begriff Mystery nicht nur geprägt, sondern auch salonfähig und Ausgangspunkt für eine nahezu unüberschaubare Anzahl von Nachfolgern wurde. Die Rede ist natürlich von The X-Files (dt.: Akte X). Die Ermittlungen der beiden FBI-Agenten Fox William Mulder und Dana Kathrine Scully und ihr Versuch, Licht in eine nahezu undurchschaubare, weltweite Verschwörung zu bringen, wurden von Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt verfolgt. Zunächst war die Serie in Deutschland nur ein Geheimtip und sorgte keinesfalls für großen Hype, wie es heute dank des Internets oft der Fall ist. Es war Mund-zu-Mund-Propaganda, die schließlich dafür sorgte, daß mehr und mehr Zuschauer ihren Weg zu Pro7 und in die bizarre, unheimliche und ungewöhnliche Welt der X-Akten fanden, in welcher die Verschwörungen von Regierungen, militärische Experimente, menschenfressende Mutanten und sämtliche Wesen des klassisches Horrors zu einem neunen Genre-Mix vereint wurden, den eigentlich keine Serie dernach in dieser Art auf den Fernsehbildschirm bannte. Über die eigentümliche Faszination dieser Serie ließe sich viel schreiben. Einer der wichtigesten Aspekte dafür war sicherlich die Leistung der beiden Hauptdarsteller, David Duchovny und Gillian Anderson, die ihre Charaktere so glaubwürdig und symphatisch verkörperten, daß sich bald alle Fans fragten, wie sich die besondere Beziehung der beiden wohl mit der Zeit entwickeln würde. Dieses Spiel mit den Erwartungen war genauso clever wie die Rollenverteilung: Mulder ist der grüblerischer, empathische Ufo-Gläubige, der mit paranormalen Erklärungen schnell bei der Hand ist, während Scully als Ärztin mit kühler Logik und wissenschaftlicher Methodik nach rationalen Antworten sucht. Diese Rollenverteilung traf nicht nur den Zeitgeist, sondern war in dieser Konstellation auch etwas Neues und Frisches im Fernsehen. Natürlich hat Mulder Züge von seinem Kollegen Dale B. Cooper aus Twin Peaks, dessen Ermittlungsmethoden bisweilen ebenso ungewöhnlich sind wie die Mulders. Und genauso wie zuvor Twin Peaks nahm auch Akte X das Übernatürliche ernst und verweigerte dem Zuschauer billige Erklärungen für die unerhörten Phänomene, welche die beiden FBI-Agenten im Laufe der Jahre erforschten. Raffiniert an der Präsentation der Erklärungsansätze war, daß Scully zumeist mit wissenschaftlichen Grundlagen zumindest einen Beitrag zur Lösung leisten konnte und daher keine Lösung vollkommen haarsträubend erschien. Vielmehr wurde beim Zuschauer das Gefühl geweckt, die Wissenschaft werde eines Tages einige der X-Akten-Fälle besser erklären können. Bis dahin wahrten die Macher immer einen Rest des Geheimnisses und ließen etliche Folgen offen enden, was für die Atmosphäre sehr zuträglich war, blieb doch beim Zuschauer immer ein wohliges Gefühl der Ungewißheit zurück. Im Laufe der neun Staffeln erschöpfte sich allerdings nicht nur die Hauptmythologie der Serie, in welcher es über die Hauptverschwörung eines Konsortiums mit Außerirdischen ging, sondern auch die Hauptdarsteller. Während Anderson durchhielt, stieg Duchovny für etwas mehr als eine Staffel aus. In dieser Zeit sorgte The X-Files für ein weiteres neues Phänomen im Fernsehen: Mitten während der Laufzeit entstand gleichsam ein Spin-Off, das mit neuen und unverbrauchten Charakteren, gleichsam einer „Next Generation“, die Geschichten von Verschwörung und Unerklärlichem weitererzählte, bis schließlich die Wahrheit ans Licht kommen sollte... nicht ohne weitere Fragen auf zu werfen.
Während Twin Peaks die Spannung seines Mysteriums über seine Laufzeit halten konnte, kam dieses bei den X-Files zwischenzeitlich mehr oder minder ins Stottern. Das war vor allem dem Umstand geschuldet, daß die Macher versuchten möglichst viele lose Geschichten und die präsentierten Erscheinungen aus den ersten zwei Staffeln im Laufe der Zeit zu verknüpfen. Da dies aber nicht von Anfang beabsichtigt war, ließen sich kleinere und größere Widersprüche (Nur ein Stichwort: Schwarzes Alien-„Öl“) ebenso wenig vermeiden wie zahlreiche Unübersichtlichkeiten über das Mysterium selbst, die von den vielen offenen Fäden herrührten, die im Laufe der Zeit liegen geblieben waren. Wer die ganze Verschwörung durchschauen will, kommt ohne ein Notizbuch nicht aus. Ohne zuviel verraten zu wollen, kann aber gesagt werden, daß die X-Files über die erstaunliche Laufzeit von neun Jahren (!) bis zum Schluß funktionierten, wenn auch das Zuschauerinteresse merklich schwand.
Letztlich war dieser Umstand wohl auch der Grund dafür, daß im diesjährigen X-Files-Film I want to believe (dt.: Akte X: Hinter der Wahrheit) die Mythologie und Hauptverschwörung der Serie lediglich in Nebensätzen erwähnt wurde und der Hauptaugenmerk auf einen bizarren und verstörenden Fall gelegt wurde, der allerdings von der Stimmung her eher zu einem Nachfolgeprojekt des Schöpfers Chris Carter paßte, als zu den X-Akten, in denen eher Mutanten und Geister eine Rolle spielten als... hmm... Serienkiller. Na ja, ganz zutreffend ist das natürlich nicht. Aber nach Jahren der Wartezeit wäre eine etwas typischere X-Akte sicherlich bei den Fans besser angekommen, als eine Folge, die gut zum Erzählton von MillenniuM (dt.: ebenso) gepaßt hätte.

Diese Serie über einen ehemaligen FBI-Agenten mit Namen Frank Black (Nomen est omen!) wurde von Chris Carter und seinen Leuten erschaffen, als sich die X-Akten gerade auf Höhenflug in Sachen Popularität befanden und das Genre Mystery zu boomen begang. Thematisch wurde der Schwerpunkt dabei eben mehr auf Seriemörder gelegt, die von Mr. Black mit Hilfe seiner gewöhnlichen Gabe sich in die Gedanken böser und skrupelloser Menschen hineinzuversetzen überführt werden – meistens jedenfalls. Bei dieser Arbeit als Berater der Polizei, wird er von der undurchschaubaren Millennium-Gruppe unterstützt, die aber ihre ganz eigenen Ziele zur verfolgen scheint und sich um das Überleben der Menschheit angesichts des kommenenden Jahrtausendwechsels sorgt. Die Serie schaffte es, den düster-melancholischen Unterton der X-Files, der oft durch den skurrilen Humor durchbrochen wurde, noch an Dunkelheit zu toppen. Selten zuvor und danach war eine Serie so dunkel, so schauerlich, so niederschmetternd. Und doch verstanden es die Macher beim Zuschauer immer wieder Hoffnung zu wecken. Trotz des immer populärer werdendenen Themas der Jahrtausendwende war mit Millennium Schluß, bevor in der Real World dieselbe erst angesichts des 2K-Computer-Problems in Hysterie verlief und dann erkennen mußte, daß sich eine Zeitenwende mitunter ihr Datum selbst aussucht. Die Menschheit hat jedenfalls überlebt. Erstunlicherweise funktioniert Millennium dennoch auch heute noch. Denn wie schon bei den X-Akten herrschte auch in der Serie das Mysterium vor und so wurde nach und nach geschickt die Axt des Zweifel an den Baum jeder Gewißheit gelegt. Und die Kunst mit den (damals) begrenzten Mittel des Fernsehens spannende und verstörende geschichten zu erzählen beherrscht diese Serie wie ihre große Schwester (es spricht für diese Serie, daß Mainstreamserien wie etwa CSI ganze Plots von Millennium übernommen haben, freilich etwas verwässert).

Für heute mag dieser kleine Einblick in mein Lieblingsgenre genügen. Schließen wir die X-Akten, gönnen wir den Bewohnern von Twin Peaks und der Millenniumgruppe eine Ruhepause. Irgendwann einmal erzähle ich Euch die Geschichte einer Profilerin, eines Legats, etlicher vergessener One-Season-Wonders und komme dann auf die Mystery-Serien der Hier und Jetzt zu sprechen...

Bis dahin... traue niemandem!
Code Delphi. Hier aufhören.
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