Dienstag, 9. Dezember 2008

Mystery-Serien - ergründet... (Teil 1)

Code Delphi. Hier anfangen.
Schon Jahre bevor Pro7 den Mystery-Monday erfand und damit einem Serien-Genre einen neuen Stempel aufdrückte, war ich ein Fan von allen Serien, die sich mit dem Übernatürlichen und Ungewöhnlichen beschäftigten. Wer hätte das nicht gedacht? Und wie es sich nun einmal bei solchen Serien gehört, werde ich mich hüten, auf allzuviele Details einzugehen. Denn inzwischen sind die meisten Serien auf DVD erschienen. Wer die hier vorgestellten noch nicht gesehen hat, sollte dies mit so wenig Vorwissen wie möglich tun... das macht für mich den Reiz des Genres aus.

Die erste Serie, die mich im Hinblick auf diese beiden oben genannten Aspekte dauerhaft überzeugen konnte und deren Wirkung bis heute anhält, war und ist David Lynchs und Mark Frosts Twin Peaks (auf deutsch zunächst unter „Das Geheimnis von Twin Peaks“ ausgestrahlt). Für den Anfang der neunziger Jahre war diese Serie mit ihrem klugen Crossover aus Krimi, Soap Opera, SciFi und Horror/Grusel geradezu bahnbrechend und natürlich hochgradig kultverdächtig. Dazu paßte es nur allzu gut, daß Sat1 damals einen der ersten handfesten Skandalen im jungen Privatfernfernsehen auslöste, indem es den Mörder der jungen Laura Palmer auf ihrer Teletext-Seite spoilte. Wobei das unerfreuliche und unerwünschte Spoiling damals freilich noch nicht als solches bezeichnet wurde. Es sprach auch niemand von Mystery, wenn er versuchte, das Phänomen Twin Peaks zu beschreiben. Die Serie war aufgrund ihrer ungewöhnlichen Musik, ihrer dunkelromantischen und zeitlosen Optik, der außergewöhnlich gezeichneten Charaktere und dem komplexen Plot sowieso nur schwer zu fassen. Viele der Zuschauer ließen sich von der Frage, wer die Homecoming Queen ermordet und in Plastikfolie eingewickelt hatte, jedenfalls so ablenken, daß sie die Serie wegen des oben genannten Spoilers und der mit weiterer Spoilerei verbundenen Berichterstattung entweder gar nicht schauten oder der Serie den Rücken kehrten, als der Mörder schließlich entlarvt wurde – obwohl das Mysterium damit erst seinen Anfang nahm. Ursprünglich hatten die Herren Lynch und Frost auch gar nicht geplant, daß der Mörder überhaupt entlarvt wurde. Für sie war die schreckliche Bluttat eigentlich nur ein Aufhänger, um die Auswirkungen der Tat auf die Gemeinschaft und die Abgründe der Bewohner von Twin Peaks auszuleuchten. Für die Fans der Serie waren dann auch die vielen durchdachten, absonderlichen und überraschenden Nebengeschichten der eigentliche Grund, der Serie die Treue zu halten. Erst auf Druck des Fernsehsenders hin wurde die Aufklärung wirklich durchgezogen. Als schließlich nach zwei Staffeln das Ende von Twin Peaks eingeläutet wurde, sorgten die Autoren für einen Cliffhanger, der die Serie endgültig unsterblich werden ließ. Denn selten in der Geschichte des Fernsehens endete eine Serie so verstörend und so überraschend und ließ den Zuschauer mit sovielen Fragen zurück. Noch heute diskutieren Fans die letzte Folge ausgiebig im Internet und stören sich keinesfalls daran, daß sie eine Antwort auf ihre Fragen wohl nie bekommen werden. Denn das Faszinierende an einem Mysterium ist schlielich die Frage und nicht die Antwort.

Daß die Antwort irgendwo da draußen ist, lehrte mich die zweite große Serie der Neunziger, durch die der Begriff Mystery nicht nur geprägt, sondern auch salonfähig und Ausgangspunkt für eine nahezu unüberschaubare Anzahl von Nachfolgern wurde. Die Rede ist natürlich von The X-Files (dt.: Akte X). Die Ermittlungen der beiden FBI-Agenten Fox William Mulder und Dana Kathrine Scully und ihr Versuch, Licht in eine nahezu undurchschaubare, weltweite Verschwörung zu bringen, wurden von Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt verfolgt. Zunächst war die Serie in Deutschland nur ein Geheimtip und sorgte keinesfalls für großen Hype, wie es heute dank des Internets oft der Fall ist. Es war Mund-zu-Mund-Propaganda, die schließlich dafür sorgte, daß mehr und mehr Zuschauer ihren Weg zu Pro7 und in die bizarre, unheimliche und ungewöhnliche Welt der X-Akten fanden, in welcher die Verschwörungen von Regierungen, militärische Experimente, menschenfressende Mutanten und sämtliche Wesen des klassisches Horrors zu einem neunen Genre-Mix vereint wurden, den eigentlich keine Serie dernach in dieser Art auf den Fernsehbildschirm bannte. Über die eigentümliche Faszination dieser Serie ließe sich viel schreiben. Einer der wichtigesten Aspekte dafür war sicherlich die Leistung der beiden Hauptdarsteller, David Duchovny und Gillian Anderson, die ihre Charaktere so glaubwürdig und symphatisch verkörperten, daß sich bald alle Fans fragten, wie sich die besondere Beziehung der beiden wohl mit der Zeit entwickeln würde. Dieses Spiel mit den Erwartungen war genauso clever wie die Rollenverteilung: Mulder ist der grüblerischer, empathische Ufo-Gläubige, der mit paranormalen Erklärungen schnell bei der Hand ist, während Scully als Ärztin mit kühler Logik und wissenschaftlicher Methodik nach rationalen Antworten sucht. Diese Rollenverteilung traf nicht nur den Zeitgeist, sondern war in dieser Konstellation auch etwas Neues und Frisches im Fernsehen. Natürlich hat Mulder Züge von seinem Kollegen Dale B. Cooper aus Twin Peaks, dessen Ermittlungsmethoden bisweilen ebenso ungewöhnlich sind wie die Mulders. Und genauso wie zuvor Twin Peaks nahm auch Akte X das Übernatürliche ernst und verweigerte dem Zuschauer billige Erklärungen für die unerhörten Phänomene, welche die beiden FBI-Agenten im Laufe der Jahre erforschten. Raffiniert an der Präsentation der Erklärungsansätze war, daß Scully zumeist mit wissenschaftlichen Grundlagen zumindest einen Beitrag zur Lösung leisten konnte und daher keine Lösung vollkommen haarsträubend erschien. Vielmehr wurde beim Zuschauer das Gefühl geweckt, die Wissenschaft werde eines Tages einige der X-Akten-Fälle besser erklären können. Bis dahin wahrten die Macher immer einen Rest des Geheimnisses und ließen etliche Folgen offen enden, was für die Atmosphäre sehr zuträglich war, blieb doch beim Zuschauer immer ein wohliges Gefühl der Ungewißheit zurück. Im Laufe der neun Staffeln erschöpfte sich allerdings nicht nur die Hauptmythologie der Serie, in welcher es über die Hauptverschwörung eines Konsortiums mit Außerirdischen ging, sondern auch die Hauptdarsteller. Während Anderson durchhielt, stieg Duchovny für etwas mehr als eine Staffel aus. In dieser Zeit sorgte The X-Files für ein weiteres neues Phänomen im Fernsehen: Mitten während der Laufzeit entstand gleichsam ein Spin-Off, das mit neuen und unverbrauchten Charakteren, gleichsam einer „Next Generation“, die Geschichten von Verschwörung und Unerklärlichem weitererzählte, bis schließlich die Wahrheit ans Licht kommen sollte... nicht ohne weitere Fragen auf zu werfen.
Während Twin Peaks die Spannung seines Mysteriums über seine Laufzeit halten konnte, kam dieses bei den X-Files zwischenzeitlich mehr oder minder ins Stottern. Das war vor allem dem Umstand geschuldet, daß die Macher versuchten möglichst viele lose Geschichten und die präsentierten Erscheinungen aus den ersten zwei Staffeln im Laufe der Zeit zu verknüpfen. Da dies aber nicht von Anfang beabsichtigt war, ließen sich kleinere und größere Widersprüche (Nur ein Stichwort: Schwarzes Alien-„Öl“) ebenso wenig vermeiden wie zahlreiche Unübersichtlichkeiten über das Mysterium selbst, die von den vielen offenen Fäden herrührten, die im Laufe der Zeit liegen geblieben waren. Wer die ganze Verschwörung durchschauen will, kommt ohne ein Notizbuch nicht aus. Ohne zuviel verraten zu wollen, kann aber gesagt werden, daß die X-Files über die erstaunliche Laufzeit von neun Jahren (!) bis zum Schluß funktionierten, wenn auch das Zuschauerinteresse merklich schwand.
Letztlich war dieser Umstand wohl auch der Grund dafür, daß im diesjährigen X-Files-Film I want to believe (dt.: Akte X: Hinter der Wahrheit) die Mythologie und Hauptverschwörung der Serie lediglich in Nebensätzen erwähnt wurde und der Hauptaugenmerk auf einen bizarren und verstörenden Fall gelegt wurde, der allerdings von der Stimmung her eher zu einem Nachfolgeprojekt des Schöpfers Chris Carter paßte, als zu den X-Akten, in denen eher Mutanten und Geister eine Rolle spielten als... hmm... Serienkiller. Na ja, ganz zutreffend ist das natürlich nicht. Aber nach Jahren der Wartezeit wäre eine etwas typischere X-Akte sicherlich bei den Fans besser angekommen, als eine Folge, die gut zum Erzählton von MillenniuM (dt.: ebenso) gepaßt hätte.

Diese Serie über einen ehemaligen FBI-Agenten mit Namen Frank Black (Nomen est omen!) wurde von Chris Carter und seinen Leuten erschaffen, als sich die X-Akten gerade auf Höhenflug in Sachen Popularität befanden und das Genre Mystery zu boomen begang. Thematisch wurde der Schwerpunkt dabei eben mehr auf Seriemörder gelegt, die von Mr. Black mit Hilfe seiner gewöhnlichen Gabe sich in die Gedanken böser und skrupelloser Menschen hineinzuversetzen überführt werden – meistens jedenfalls. Bei dieser Arbeit als Berater der Polizei, wird er von der undurchschaubaren Millennium-Gruppe unterstützt, die aber ihre ganz eigenen Ziele zur verfolgen scheint und sich um das Überleben der Menschheit angesichts des kommenenden Jahrtausendwechsels sorgt. Die Serie schaffte es, den düster-melancholischen Unterton der X-Files, der oft durch den skurrilen Humor durchbrochen wurde, noch an Dunkelheit zu toppen. Selten zuvor und danach war eine Serie so dunkel, so schauerlich, so niederschmetternd. Und doch verstanden es die Macher beim Zuschauer immer wieder Hoffnung zu wecken. Trotz des immer populärer werdendenen Themas der Jahrtausendwende war mit Millennium Schluß, bevor in der Real World dieselbe erst angesichts des 2K-Computer-Problems in Hysterie verlief und dann erkennen mußte, daß sich eine Zeitenwende mitunter ihr Datum selbst aussucht. Die Menschheit hat jedenfalls überlebt. Erstunlicherweise funktioniert Millennium dennoch auch heute noch. Denn wie schon bei den X-Akten herrschte auch in der Serie das Mysterium vor und so wurde nach und nach geschickt die Axt des Zweifel an den Baum jeder Gewißheit gelegt. Und die Kunst mit den (damals) begrenzten Mittel des Fernsehens spannende und verstörende geschichten zu erzählen beherrscht diese Serie wie ihre große Schwester (es spricht für diese Serie, daß Mainstreamserien wie etwa CSI ganze Plots von Millennium übernommen haben, freilich etwas verwässert).

Für heute mag dieser kleine Einblick in mein Lieblingsgenre genügen. Schließen wir die X-Akten, gönnen wir den Bewohnern von Twin Peaks und der Millenniumgruppe eine Ruhepause. Irgendwann einmal erzähle ich Euch die Geschichte einer Profilerin, eines Legats, etlicher vergessener One-Season-Wonders und komme dann auf die Mystery-Serien der Hier und Jetzt zu sprechen...

Bis dahin... traue niemandem!
Code Delphi. Hier aufhören.
Lies weiter...

Donnerstag, 18. September 2008

Dem dunklen Ritter auf der Spur

Code Delphi. Hier anfangen.
Für welche Themen lohnt sich ein Eintrag im Blog? Ich ziehe das so oft in Zweifel, daß ich angesichts der zeitlichen Lücken, die in den letzten Monaten entstanden sind, vielleicht meine Ansprüche etwas senken sollte. Und vielleicht nicht bloß immer und immer wieder über das Kino berichten sollte. Aber es ist nun einmal so, daß es zu einer meiner Leidenschaften gehört. Der ich leider nicht so oft fröne, wie ich eigentlich gern will. Denn obwohl Kino an sich Spaß macht, gewinnt es erst richtig, wenn man mit mehreren einen Film genießt - und sich danach darüber austauscht. Leider stehe ich mit meiner Leidenschaft für Kino in meinem engeren Freundes- und Bekanntenkreis etwas alleine da. Der Siegeszug von Beamern, Großbildschirmen und DVDs und BlueRays fordert seinen Tribut.

Aber immerhin... The Dark Knight habe ich tatsächlich mit zwei Freunden sehen können, von denen sich der eine überraschend als Fan des Dunklen Ritters outete, was ich nun gar nicht erwartet hätte. Schön, wenn man auch nach zwanzig Jahren bei seinen Freunden noch neue, liebenswerte Seiten entdecken kann.

Denn auch ich mag Batman sehr. Viel lieber als den anderen großen Superhelden, der vor einigen Jahren ein eher stilles Comeback hatte. Superman war und ist mir einfach zu super. Trotz Kryptonitallergie. Mit einem unkaputtbaren, ultrastarken und flugbefähigten Stretchanzugträger läßt sich einfach nicht so mitfiebern wie mit einem Multimillionär im schwarzen Gummikampfanzug.

Und während Superman auch nach dreißig Jahren im Grunde immer noch der alte Langeweiler ist, hat Batman eine erstaunliche Karriere durchgemacht.

Angefangen hat schließlich alles mit diesem quietschbunten Film und der darauffolgenden Fernsehserie im Jahre 1966. Na ja, zumindest, was die Interpretation der Geschichte des Caped Crusaders in Farbe angeht. IMDB warf bei meiner kleinen Suche auch noch eine S/W-Serie von 1943 aus. Aber der Serie fehlen wohl soviele Bestandteile der Geschichte von Bruce Wayne, daß ich mir mal die Freiheit nehme, nicht näher auf sie einzugehen. Denn schon, daß Mister Wayne in der Serie ein FBI Agent (!) ist, verändert einen grundlegenden Aspekt der Geschichte maßgeblich. Dazu später mehr. Ich lasse auch mal die gesamten Amimated Series (insbesondere die von 1992) beseite, obwohl einige Folgen davon echt sehenswert sind...

... denn es geht mir um einen bestimmten Aspekt.

Meine Erinnerungen an den Film von 1966 und die Fernsehserie sind mit den Jahren sehr verblaßt. Ich weiß, daß ich sie irgendwann als kleiner Junge gesehen habe und mir die Geschichten damals vor allem wegen der vielen, sehr durchgeknallten und skurrilen Bösewichte sehr gefielen. Weder die vielen Comic-Einblendungen ala 'Puff!', 'Boing!' und 'Zack!' konnten mich allerdings damals so recht begeistern noch der Umstand, daß Batman und Robin in ihren sehr albernen Köstümen immer einen stattlichen Pillen- und Gasvorrat mit sich herumtrugen, der gegen Haie, Radioaktivität, Dooms-Day-Maschinen und andere Unerfreulichkeiten stets half. Das war irgendwie einfallslos auf Dauer. Wie gesagt, meine Erinnerungen sind nicht mehr sehr klar. Liegt vielleicht an zu vielen Pillen.

Zusammenfassend kann man sagen, daß damals noch gegen jedes Unheil ein Kraut gewachsen schien. Aber Batman und seine Gegner wirkten in der ansonsten recht biederen Welt der 60er Jahre eher wie Pillenfreaks und eben nicht wie glaubwürdige Bestandteile eines durchdachten Universums. Schöne bunte Comicwelt...

Durchdachter wurde das Batman-Universum Ende der 80er Jahre dank Frank Millers Batman: Year One. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich auch diesen Comic nicht gelesen habe, genauso wenig wie den der 300. Wie ich im übrigen sehr selten und sehr wenig Comics lese. Zu den Gründen und den Ausnahmen gerne ein anderer Mal.
Miller erkannt insbesondere eins: Batman braucht Glaubwürdigkeit. Batman braucht einen Grund für seine Taten. Batman braucht eine Welt, zu der er paßt. Und Batman ist ein höchst zwiespätiger Charakter. Denn eigentlich ist er ein Verbrecher. Er begeht nämlich Selbstjustiz. Und er ist eben kein Superheld, der als einziger auf dem Planeten etwas gegen die stetig auftauchenden Superbösewichte ausrichten kann - so wie Superman. Batman ist ein Normalo im Kampfanzug.

Das macht ihn interessant.

Tim Burton, dessen Welten ja alle von einer gewissen Grundbizarrheit sind, hatte wenig Schwierigkeiten, diesen Ansatz von Miller in seine eigene Filmwelt zu transportieren. In Batman (1989) und Batman Returns (1992) ist Gotham City ein urbaner, gothischer Alptraum, der von Gangstern und skrupelloser Geschäftsmännern beherrscht wird. Das gesamte Design der Stadt wirkt zwar comichaft, aber eher auf eine düstere, verdrehte Weise und nicht kaugummi-bunt wie noch in den 60er. Bruce Wayne ist der etwas tapsige und treuherzige Gutmensch. Aber sein Alter Ego ist die perfekte Antwort auf Gothams düstere Verderbtheit: ein schnittiges Batmobil, ein fledermausartiger Batwing und dazu ein Gummianzug, der wie das Lieblingskleidungsstück eines Fetischisten wirkt - Batman ist nicht Fremdkörper, sondern Teil der Welt. Und das gilt auch für die Geschichten, die beide Filme erzählen. Sie passen zu dem gesamten Grundton, den die Sets, die Musik und die Kamera vermitteln.

Und Batman ist der nächtlicher Rächer, der immer und immer wieder den Mord an seinen Eltern rächt. Auch wenn er dabei selbst töten muß. Mister Burton thematisiert aber weder diesen Konflikt noch den mit der Polizei. Die arbeitet mit Batman zusammen, um der Lage überhaupt Herr werden zu können und sammelt nur allzu gerne die Verbrecher ein, die Batman besiegt und gutverschnürrt an ihren Tatorten zurückläßt. Das paßt zwar zu der Atmosphäre der Filme, erzeugt aber für den Zuschauer ein Paralleluniversum mit eigenen Grundregeln.

Die Regeln ändern sich unter Joel Schumacher bei Batman Forever (1995) erst unmerklich und dann bei Batman & Robin (1997) deutlich. Wieder hält Comicbunte in die Serie Einzug. Die Sets werden schriller, die Bösewichte fantastischer und abgefahrender und die Action und Handlung weitaus überzogener als zuvor. Zwar kann man beiden Filmen viele Vorwürfe machen, aber zumindest paßt der joviale Batman mit seinen Gadgets und Robin an seiner Seite in die Welt von Gotham, die mit ihm zusammen eine Wandlung hin zur aufgekratzten Durchgeknallheit eines postmodernen Stilsammelsurriums gemacht hat. Die Gothik hat ausgedient, jetzt werden Elemente aus Musical ('Die Eislaufnummer aus Batman & Robin'), Disko (Stichwörter: 'Leuchtmakeup', 'Neon' und 'Riddler'-Lichtspiele) und 80er-Jahre SciFi ('Gehirnmanipulation per Fernsehen' und 'Eismaschinen') zu einem perlenden, zuckrigen Cocktail aus Gags, Drama und Action gemischt.

Rein von der Storytiefe findet spätestens mit Batman & Robin wieder ein Rückschritt in die Zeiten der 60er statt. Denn Bruce Wayne ist keine zwiespältige Figur mehr, sondern nur noch ein Playboy, der das Leben in vollen Zügen genießt und Verbrecher eher aus Hobbygründen jagt als aufgrund Notwendigkeit oder Berufung. Der unfreiwillig komische und in einigen Momenten nahezu unerträglich peinliche vierte Teil hätte Batmans Filmkarriere dann auch beinahe den Rest gegeben...

...wenn nicht 2005 Christopher Nolan mit Batman Begins einen kompletten Neustart gewagt hätte.

Zunächst darf sich der Zuschauer verwundert die Augen reiben. Keine Gothik. Kein Neon. Statt dessen ein sehr realistisches Gotham City. Eine glaubwürdige Welt. Und ein gebrochener und getriebener Bruce Wayne, von dessen Weg zu Batman fast gesamte Film handelt. Sämtliche Gadgets, die Batman zu dem machen, was er ist, werden konsequent und glaubwürdig erklärt. Und darin liegt Mister Nolans Ansatz, um Batman zu einer glaubwürdigen Figur zu machen. Er erklärt die Details der Geschichte und läßt alle fantastischen Elemente einfach weg. Batman ist kein Superheld, sondern ein gut ausgebildeter Einzelkämpfer in einer Spezialrüstung, die nach dem Vorbild einer Fledermaus geformt ist, um Furcht zu verbreiten, die Bruce Wyne selbst in sich trägt. Passend dazu trägt auch Scarecrow - Batmans Gegner in diesem Film - seine schauerliche Maske nur, um die Furcht zu verstärken, die er mit seinen Chemikalien auslöst.

Dominierten in den Vorgängerfilem die Bösewichte über Batman, was Darstellung und Ausgestaltung der Figuren anging, legt Mister Nolan das Augenmerk bewußt auf die Figur von Bruce Wayne, um zu erklären, was ihn antreibt und warum er des Nachtes die Straßen von Gotham City druchstreift. Diese Motive werden aber durchaus ambivalent dargestellt. Bruce Wayne weiß, daß er ein Rächer ist und deshalb stellt er eine Regel auf, die er nicht überstreiten wird: Er tötet nicht. Dennoch bleibt er ein Getriebener, der Selbstjustiz übt.

Daß diese großartige Neuauflage noch zu toppen wäre, war schwer vorstellbar, doch mit The Dark Knight (2008) ist es allen Beteiligten gelungen. Das ist zunächst der Verdienst der guten Vorbereitung im fünften Teil der Reihe. Denn nun kann sich der Film ausführlicher mit den Bösewichten beschäftigen, ohne dabei Bruce Wayne und sein Verhältnis zu Batman aus den Augen zu verlieren. Es spricht dabei für die Qualität der Geschichte, daß die auf mehreren Ebenen funktioniert. Zunächst stürzt das Auftauchen des diabolischen und absolut nihilistischen Jokers Gotham City in eine noch tiefere Krise als der Terroranschlag der "Liga der Schatten" im Film zuvor. Seine Terroranschläge - ganz im Zeichen unserer neuen Angst sind die Bösewichte nun nicht mehr hinter Geld und Macht her - treffen die Bevölkerung ins Mark. Und ob der neue Staatsanwalt Harvey Dent dem und der Mafia zum Wohle Gothams Einhalt gebieten kann, ist sehr fraglich. Zumindest Bruce Wayne hat die Hoffnung, daß nun endlich ein starker Mann die Arbeit verrichtet, die er als nächtlicher Rächer übernommen hat. Das ist die persönliche Ebene des Films, welche die Geschichte von Batman ganz unmittelbar und spannend fortschreibt. Dazu gehört der kluge Drehbucheinfall, daß der Joker Batman gezielt zum Mörder machen will, damit er seine einzige Regel bricht - die vielleicht alles ist, was Batman von Freaks wie dem Joker wirklich unterscheidet.

Das daraus im Laufe des Films entstehende moralische Dilemma für Bruce Wayne und seine Neudefinition seiner Rolle als Batman verleihen dem Film nicht nur eine düstere, sondern auch sehr ernsthafte Note und werfen ein Schlaglicht auf die Fragen unserer Zeit: Wie weit gehen im Kampf gegen Verbrechen und Terror? Welche Grenzen kann man überschreiten, welche nicht? Und was macht überhaupt einen Helden aus? Welche Werte gelten in einer Welt, in es Chaos und Zerstörung allgegenwärtig zu sein scheinen?

Für eine Comicverfilmung ist das viel Tiefgang. Dieses Konzept hat bereits bei der X-Men-Trilogie und bei Spiderman gut funktioniert. Aber der neue Realismus von Batman bringt diese Fragen noch näher an uns als Zuschauer heran. Denn Gothma City ist liegt nicht einfach in einem Paralleluniversum. Diese Stadt kann gleich dahinten um die Ecke anfangen...
Code Delphi. Hier aufhören.
Lies weiter...

Sonntag, 1. Juni 2008

Im Herzen der Stadt

Code Delphi. Hier anfangen.
Als ich zum letzten Mal in Berlin war, wurde Geschichte geschrieben. Die Mauer hatte sich gerade auf wunderbar friedliche Weise geöffnet, die atomare Apokalypse war ausgeblieben und die Menschen schauten verwundert auf ein unbekanntes Land namens Zukunft, in dem mit einem Mal vieles möglich schien, das zuvor undenkbar gewesen war. Es war eine spannende Zeit. Wie so oft, hat uns die Geschichte in der Zwischenzeit wieder oft überrascht und die Träume von der Zukunft unter der Realität begraben.

Siebzehn Jahre später bin ich wieder in Berlin. Wieder, um den Teil meiner Familie zu besuchen, der hier lebt und den ich nicht so oft sehe, wie ich gerne möchte. Wieder, um die Stadt zu erkunden, mit der ich mich verbunden fühle, weil sie durch meine Herkunft auch ein Teil in mir ist. Aber dieses Mal fühle ich mich erst recht als Fremder. Als ich am Alexanderplatz aus der U-Bahn steige, betrete ich diesen so, als sei ich nie zuvor hier gewesen. Die Realität verspottet meine Erinnerungen. Natürlich war ich darauf vorbereitet, daß sich einiges verändert hat. Tatsächlich erkenne ich nur die Wahrzeichen wieder. Fernsehturm und Neptunbrunnen. Aber der Rest?

Während die Sonne aus einem wolkenlosen blauen Himmel herableuchtet, entschließe ich mich, mit meinem Bruder eine Stadtrundfahrt in einem Doppeldecker zu machen. Und prompt werden wir von einem Marktschreier, der auch auf Sankt Pauli gut aufgehoben wäre, zu einem Bus gelost. Minuten später thronen wir über dem Straßenverkehr, lassen uns eine Sommerbrise um die Nase wehen und treten die Fahrt durch das neue Berlin an. Einmal um den Alexanderplatz. Meine Kamera macht hier und dort Touristenfotos. Dazu Historisches, Banales, Kurioses und Wirtschaftliches vom bilingualen Touristenführer. Dann Unter den Linden, Berliner Dom, Museumsinsel, die Stahlruinen eines Gebäudes, das früher einmal der Palast der Republik gewesen ist. Ich erinnere mich, daß ich einst vor diesem Gebäude stand und mit einem Kumpel Faxen machte. Irgendwo zu Hause habe ich ein Bild davon. Jetzt fertigte ich ein Update an. Klick. Amerikanische Botschaft. Davor eine Demo, so als hätte die politische Linke beschlossen, ihren Betrag zu unserem Touristenprogramm zu leisten und zu beweisen, daß in dieser Stadt imme rnoch quergedacht wird. Wogegen sich der Protest genau richtet, ist nicht zu erfahren. Meine Kamera klickt hier und da. Dann hält der Bus für eine Pause. Mein Bruder und ich machen uns zu Fuß auf durch das Brandenburger Tor. Natürlich schreiten wir mitten hindurch, so wie es sich gehört. Als Nachahmung des historischen Gefühls sozusagen. Dahinter erwartet uns eine Fahrradralley, die zu dem Touristenprogramm noch einen sportlichen Aspekt hinzuaddiert.

Rechts herum geht..s zum Reichstag. In meiner ganz persönlichen Erinnerung eine dunkelgraues Gebäude. Auf Fotos wird der strahlendgraue Bau nicht ganz so imposant wie in der Realität. Ich denke bei mir, daß man sich im Angesicht dieser riesenhaften Säulen entweder ganz klein vorkommt oder einen Vorgeschmack der Macht spürt, die dieses Gebäude über 80 Millionen Menschen hat. Wahrscheinlich muß man letztere Empfindung haben, um hier arbeiteten zu können. Dann fällt mein Blick durch eine großzügig, aber irgend schlichte Park-Springbrunnen-Anlage auf das Kanzleramt, das sehr futuristisch wirkt. Auch ein Ort der Macht. Und jetzt fällt mir auf, wie verschwenderisch viel Platz zwischen den einzelnen Gebäuden ist. Jedes steht für sich. Keines lenkt vom anderen ab. In einer Großstadt würde man solche Großzügigkeit eigentlich nicht erwarten. Aber im Herzen der Stadt gelten andere Regeln. Plötzlich kommt mir dieses Viertel bei aller architektonischen Gradlinigkeit und Nüchternheit sehr pompös vor. Abgehoben. Weit weg von mir.

Der Weg zum Hauptbahnhof bestätigt diesen Eindruck. Grünflächen überall. Grillen verboten. Nur gucken, nicht anfassen. Die Straße, die vor dem Hauptbahnhof kreuzt, trägt keinen Zebrastreifen. Vielleicht weil nur das Volk diesen Weg nimmt.

Dann der Hauptbahnhof. Wie auf der grünen Wiese abgeworfen, aus einen pratchett..schen Glaskugel geschlüpft. Stahl und Glas. Postmodern. Gewaltig. Und wieder pompös. Hier hat sich ein Stück Zukunft materialisiert. Ein Traum für Menschen, die es gerne urban haben. Drei Ebenen, unzählige Shops, Gleisen, die aus allen Teilen des Landes an diesen Ort führen. Herzkammer.

Mein Mittagessen besteht aus den drei süssesten und besten Doughnuts meines bisherigen Lebens, mein Nachmittagsprogramm aus Siegessäule, Schloß Bellevue, Tiergarten, Zoo und Kürfürstendamm. Plattenläden, Saturn und dem KaDeWe, dessen enttäuschende Neuauflage mich einer weiteren schönen Jugenderinnerung beraubt.

Erst auf dem Heimweg fällt mir ein, daß ich einen Ort nicht besucht habe, den ich eigentlich ganz oben auf meiner Liste hatte. Mein Bruder muß am nächsten Morgen zurück nach Hamburg. Ich werde den Ort daher allein besuchen müssen. Aber es wird sich herausstellen, daß das keine schlechte Fügung für mich ist. Den Abend verbringe ich im Kreis meiner Familien, mit Geschichten aus alter und neuer Zeit.

Am nächsten Tag bringe ich meinen Bruder zum Bahnhof Südkreuz und mache mich dann allein auf zum Potsdamer Platz. Wieder scheint die Sonne, aber ich habe eine Gänsehaut, weil der Wind schon neue Kühle mit sich bringt. Am Potsdamer Platz angekommen, erwartet mich eine neue Wunderwelt. Dieses Mal der Wirtschaft mit dem Sony Center mit seiner Gastronomie und Unterhaltungseinrichtungen. Ich mache ein Foto vom Lego Discovery Center und dem kathedralenhaften Innenraum. Ich staune darüber, wie hier aus dem Nichts eine weitere Herzkammer entstanden ist, mit Hotels, Bürogebäuden und und und. Meine Kamera klickt.

Dann mache ich mich auf den Weg. 350 Meter sind zu gehen.

Zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Schließlich kann ich sie sehen. 2.711 Stelen aus Beton. Klick. Quarder, die aus dem Boden ragen. Ich sehe sie, wie sie einer Welle gleich über den Boden schwappen und nähere mich ihnen. Tatsächlich ist es so, als würde man ein Meer aus Stein betreten. Zunächst kommt eine sanfte Dünung, die einem die Füße umspielt. Ich ärgere mich trotzdem über den jungen Burschen, der von Stein zu Stein bringt, grinsend die Arme ausbreitet und sich von seinem Kumpel ablichten läßt. Ich gehe rasch weiter. Das Wasser steigt, geht bis zum Knie, über die Hüfte, schlägt mir über dem Kopf zusammen.

Die Geräusche aus der Stadt sind mir plötzlich sehr fern. Gerade noch hatte ich die Stelen, jetzt haben sie mit einem Mal mich. Der Himmel ist nur noch ein schmaler Streifen, jede Himmelsrichtung besteht nur noch aus einem gerade mannbreiten Schlitz. Hier ist Enge. Ich bin umzingelt, bedrängt. In der Falle. Vielleicht haben sich diejenigen, denen das Denkmal gewidmet ist, ähnlich gefühlt. Vielleicht haben sie sich keine Gedanken gemacht, daß die Welle, die da so langsam auf sie zurollte, sie verschlingen würde. Sie kam nicht plötzlich, sondern langsam. So daß man sich zwischendurch einreden konnte, es werde nicht so schlimm. So daß man eingelullt wurde. Bis es zu spät war.

Zwischen den Stelen gibt es keinen geraden Boden. Die Wege führen auf und ab, so daß meine Schritte unweigerlich tiefer und tiefer hinab in das Schweigen zwischen die Betonblöcke gelenkt werden. Als ich einen berühre, spüre ich keine Hitze und keine Kälte. Nur Glätte. Hier gibt keine Zeichen, keine Erklärung. Meine Fragen bleiben unbeantwortet. Wer hätte damals schon eine Antwort nach dem Warum gegeben?

Eine Antwort auf diese Frage finde ich unter der Erde im Ort der Information, der über eine Treppe im Stelenfeld zu erreichen ist. Hier unten ist wieder mehr Platz. Aber die Stelen sind in der Decke als Vertiefungen präsent, und mitunter ragen sie in diese Ausstellung herab. Als Steinblöcke, auf denen Familienschicksale beschrieben werden. Als Lichtflecken, die Briefe, Notizen und Tagebuchaufzeichnungen der Opfer beleuchten. Ich fühle mich wie in einer Gruft. Hier ruht die lebendige Vergangenheit. Die einzelnen Räume beschreiben jeder auf seine Weise die Dimension des einzigartig abscheulichen Verbrechens. Hier unten finden sich die Antworten.

Im Raum der Namen stehen nur einige Sitzbänke. Der Raum ist dunkel. An den vier Wänden leuchten die Namen der Opfer mit ihren Lebensdaten auf. Zu jedem trägt eine Stimme aus der Dunkelheit ihr kurze Lebensgeschichte vor, um die Erinnerung an jene weiterzugeben, die niemanden mehr haben, um das zu tun. Unter den etwa sechs Millionen jüdischen Opfern sind ganze Familien. Mit ihnen ist die Möglichkeit gestorben, sich durch mündlich überlieferte Geschichten an die Vorfahren zu erinnern. Auch das war ein Plan der Täter. An diesem Ort schweigen diese. Vielleicht ein stiller, später Sieg ihrer Opfer.

Als ich in der Dunkelheit sitze und zu den Namen mehr über den Menschen erfahre, sind mir die Toten mit einem Mal sehr nahe. Mir wird bewußt, wieviele wunderbare Möglichkeiten mit ihnen gestorben sind und ihnen auf Erden nachfolgen, wieviel Schmerz ihr Tod mit sich brachte. Für sie. Für ihre Angehörigen. Für alle, die von ihnen hören. Die Zahlen werden zum Einzelfall. Und jeder Einzelfall zu einem Verbrechen, mit allen Konsequenzen für die, welche davon hören. Jeder, der diese Geschichten hört, kann daraus lernen, wenn er zuhört. Über Verantwortung, über den Umgang mit seinen Mitmenschen, über die Grenzen des menschen Handelns.

Hier unten im Herzen der Stadt werde ich wieder geerdet.

Das vorletzte Bild, das ich mache, zeigt die Stelen und in der Ferne den Reichstag.

Das letzte Bild mache ich von meiner Familie. Dann ist der Film voll.
Code Delphi. Hier aufhören.
Lies weiter...

Donnerstag, 7. Februar 2008

Auge in Auge mit den Monstern

Code Delphi. Hier anfangen.
Das neue Jahr begann für mich mit Dulverdampf von Raketen und Böller wie annodunnemals auf irgendeinem Schlachtfeld, fast wund getanzten Füßen und mittelleckerem Döner - in der Mikrowelle erhitzt. Letzteres ist eben notwendig, wenn einen nach dem Reinfeiern in "Der Fabrik" (HH) noch der Hunger packt und das Essen dann durch die halbe Stadt transportiert wird... bei Eiseskälte. Aber diese wenigen Worte mögen nur für alljene dienen, die sich fragen, wie ich wohl ins neue Jahr gekommen bin. Danke, gut. Um eine Erfahrung reicher.

Wenn´s draußen schon früh dunkel wird, spricht ja wenig dagegen, sich in dunkle Räume zurückzuziehen und Filme zu schauen. Ich mache das immer wieder gern im Kino. Man kann sagen, was man will. Die Kinowerbung "Dafür werden Filme gemacht" hat einen wahren Kern. Manche Filme wirken im Kino einfach besser. Wenn die Leinwand meterhoch vor Dir aufragt, der Sound Dir in die Ohren brüllt und die Dunkelheit Dir einen Schauer über die Haut jagt, merkst Du, wie langweilig Fernsehen sein kann...

Wenn dann noch Filme gezeiget werden, die den Herzschlag so gekonnt in die Höhe treiben wie "Der Nebel" und "Cloverfield", beginnt das neue Jahr für mich richtig gut. Ich mag es düster, schauerlich und beängstigend. Wenn sich dann noch das Gefühl einstellt, clever und durchdacht unterhalten worden zu sein, zahle ich gern 5 bis 7 Euro für zwei Stunden Film. Tauchen wir ein bißchen mehr in die Schreckenswelt der beiden Horrorstücke ein...

"Der Nebel" basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King, die neben seinen Klassikern zu Unrecht eher unbekannt ist. Durch einen Zufall hatte ich das Buch "Im Morgengrauen", in welchem die Story in Deutschland erschienen ist, in einem Haufen Bücher entdeckt, die meine Mutter eines Tages von irgendwo mitgebracht hatte. Die meisten Taschenbücher waren eher uninteressant. Aber da ich von King schon einiges gelesen hatte, gab ich dem Band eine Chance. Und die letzte Geschichte handelte von jenem besagten Nebel und gefiel mir von allen anderen schon damals am besten. Kurz vor dem Film las ich sie nochmal quer und erschauderte wie damals. Kein Wunder, dass ich mit gemischten Gefühlen in den Film ging. Verfilmungen können ja auf schmerzhafte Weise schief gehen... siehe "Eragon".

Frank Darabont, der Regisseur des Films, kann allerdings auf Erfahrung mit den Stoffen von Herrn King verweisen, hat er doch schon "Die Verurteilten" und "The Green Mile" erfolgreich auf die Leinwand gebannt. Dass beide Stücke eher Dramen als klassischer Horror sind, ist letztlich nicht hinderlich. Denn auch "Der Nebel" lebt vom Drama. Und das beherrscht Herr Darabont fast makellos. Seine Geschichte beginnt - wie die von King - mit einem Sommersturm, der das Haus des Malers David Drayton (sehr sensibel gesspielt vom "Punisher" Thomas Jane - wer hätte das gedacht?) beschädigt, so dass dieser mit seinem Sohn Billy in Stadt zum Supermarkt fährt, um dort Werkzeug und Vorräte zu kaufen. Denn die Stormversorgung ist zusammengebrochen. Kaum im Laden angekommen, rollt eine Nebelwand über den Parkplatz und hüllt den Supermarkt ein. Mit der Beweglichkeit des Schlechtwetterphänomens scheint etwas nicht zu stimmen und als ein Mann mit blutender Nase durch die Tür stürmt und behauptet, im Nebel sei irgendein bösartiges Etwas schleicht sich langsam, aber unaufhaltsam das Grauen in die heile Welt und verwandelt sie unaufhaltsam in ein Albtraumland. Stück für Stück brechen die Fassaden der Bürgerlichkeit und Zivilisation auf, als die Eingeschlossenen die unfassbare Wahrheit dessen zu verstehen versuchen, was draußen geschehen ist. Schon bald verändert ihre Angst alles...

Der Film lebt von seiner klaustrophobischen Atmosphäre und dem guten Drehbuch, das aus der Kurzgeschichte das Wesentliche extrahiert und akkurat auf die Leinwand umsetzt. Der Horror, der sich im Nebel verbirgt, ist so plastisch und erschreckend in Szene gesetzt, dass es einem den Atem verschlägt. Noch beängstigender ist aber die Reaktion der Menschen, die sich trotz - oder gerade wegen - einiger kluger Ideen im Netz der Panik verstricken und bald der Interpretation von Mrs. Carmody (vielschichtig: Marcia Gay Harden) glauben, der Nebel sei das Strafgericht Gottes und die Apokalypse stünde bevor. Es spricht für den Film, dass die Motivation der bibelfesten Dame nicht bloße Bösartigkeit ist, sondern Angst gepaart mit seltsamen Entwicklungen. Denn die rationalen Verstandesmenschen werden gleich zu Beginn Opfer ihres Eigensinns und ihrer Verwegenheit. Unerbittlich wie ein Uhrwerk läuft der Film auf sein Finale zu und obwohl die Entwicklung dorthin angedeutet und von den Charakteren sogar befürchtet wird, gelingt es dem klugen Drehbuch und der raffinierten Kamera das erwartete Grauen noch zu toppen. Und das Finale überbietet sogar das der Kurzgeschichte an emotionaler Wucht, Konsequenz und Tragik. Es wirkt nach. Lange.

Und macht - wie wohl beabsichtigt - nachdenklich. Denn natürlich ist "Der Nebel" eine Geschichte über das Gefühl unserer Zeit, in der uns eine unsichtbare Gefahr bedroht (oder zu bedrohen scheint?). Werden wir zulassen, dass unsere berechtigte Angst unsere Wahrnehmung verzehrt?

Aktuelle Bezüge läßt auch "Cloverfield" nicht vermissen. Dafür sorgt schon die ungewöhnliche Optik des Films. Komplett mit Handkamera aus der Perspektive einer der Hauptfiguren gedreht, erinnern die Bilder, die während des Angriff eines irgendeines bösartigen Etwas auf New York entstehen, an die Schrecksbilder derer, die den Einsturz der Twin Towers festhielten. Dass mag man beim einem Unterhaltungsfilm unangemessen finden, aber der Film verfällt nie in Sensationslust und wahrt sich immer - selbst bei den fiesesten Schockszenen - eine achtenswerte Sensiblitität in Bezug auf die Menschen. Die Kamera hält nicht auf alles drauf. Und die Kommentare der Hauptpersonen wirken eben ehrlich betroffen. Der Versuch, eine Katastrophe authentisch abzubilden. Und in unserer Zeit geht das wohl nicht mehr ohne Assoziationen an den 11. September. Die Optik hat aber auch ihren Sinn. J.J.Abrams (der Produzent des Streifens) hat nicht ganz unrecht, wenn er die Meinung vertritt, dass die erste Reaktion heutiger Menschen auf das Erscheinen eines Ungeheuers wahrscheinlich die wäre, es für andere Menschen, die wissen wollen, wie es passiert ist, zu filmen... vorausgesetzt der Abstand zum Monster stimmt.

Der wird für die Hauptpersonen in dem kurzen, aber aktionreichen Film mitunter dünner als gut für sie ist. Dafür erhält der Zuschauer die Möglichkeit, Special Effects zu bewundern, die sich nahlos in die teils verwackelten und teils schwankenden Bilder der Handkamera einfügen. Die Manipulation ist gerade dank der verschiedenen Kameraspielereien wie Nachtsicht und Lampenbeleuchtung so perfekt, dass man danach keinen Bilder mehr ganz vertrauen kann. Oder will. Beruhigend zu wissen, dass New York noch steht. Kurz zur Handlung: Eigenlich soll der Kameraamatuer Hud (T.J.Miller) eine Juppieparty für seinen nach Japan wegbeförderten Freund Rob (Micheal Stahl-David) festhalten. Doch kurz bevor die oberflächlichen Partygespräche und die vertrackte Liebesgeschichte zwischen Rob und seiner kurzen Affäre Beth den Zuschauer langweilen können, wird´s nach einem Erdstoß und kurzem Blackout hektisch und spannend. Auch dieser Film beherrscht das Tempo famos. Und schafft das Kunststück, die angedeutete Liebesgeschichte in die Handlung einzubauen, ohne dass es unglaubwürdig oder zu titanic-mäßig wird.

Doch Halt! Stop! Mehr wird nicht verraten. Wer das "Blair Witch Projekt" mochte, weil er die Idee mit den Kameras trickreich fand, sich auch gern mal im Dunkeln fürchtet und Charaktere in Filmen auch dann symphatisch findet, wenn sie getrieben von ihrer Angst Unsinn reden, Unsensibles sagen und immer wieder mit Tränen kämpfen, wird sich bei "Cloverfield" gut aufgehoben finden. Wer sich bloß vom Internet-Hype anstecken ließ und Monsterfilme eigentlich unrealistisch und bescheuert findet, sollte den Film meiden. Er wird auch keine Augen für die cleveren kleinen Einfälle des Films haben, die der Story mit wenig ein Mehr an Tiefgang verleihen. "Cloverfield" ist keine Revolution des Genres. Aber er ist konsequent, durchdacht und nimmt sich und seine Geschichte ernst. Und jeden Zuschauer, der nicht bloß konsumieren, sondern weiter- und mitdenken will. Dazwischen bannt er Szenen von schweißtreibenem Terror und bizarrer Ruhe in einem Tempo auf die Leinwand, dass man die eine oder andere kleine Mogelei, die sich der Film erlaubt, ganz vergißt.

Über den Typen, der, als der Abspann kam, empört rief: "Wie, DAS war´s jetzt?", konnte ich nur traurig den Kopf schütteln. Ich hab mir eine Erwiderung geschenkt. Was mich im Nachhinein ein bißchen ärgert.

Aber nicht jeder findet im Angesicht der Monster etwas über sich heraus. Ich werde ab jetzt versuchen, mich an die Lehren der Jedis zu halten... "Furcht führt zur Dunklen Seite der Macht..."

Code Delphi. Hier aufhören.
Lies weiter...