Dienstag, 13. April 2010

Im Unterland

Code Delphi. Hier anfangen.
Als großer Fan von Tim Burton konnte ich mir selbstverständlich sein neues Werk Alice im Wunderland nicht entgehen lassen. Und obwohl ich von abgedrehten und fantastischen Filmen nicht genug bekommen kann, war mein Eindruck merkwürdig...

...zwiespältig.

Alice Kingsleigh (Mia Wasikowska) ist eine junge, kluge Dame und Halbwaise mit einem Problem: Sie soll - gemäß den gesellschaftlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts - heiraten. Die hübsche Blondine schlägt aber ganz nach der Art ihres Vaters, der ein Visionär und Entdecker von kühnen Handelsrouten und fremden, fernen Ländern war. Zu Alice Leidwesen entpuppt sich ihr Zukünftiger als humorloser Langeweiler mit empfindlicher Verdauung. Und so tut Alice das, was sie auch bereits früher getan hat... sie läuft von der Gesellschaft fort und folgt lieber einem seltsamen Kaninchen mit Weste, welches in großer Eile zu sein scheint. Die kurze Verfolgung endet mit einem Sturz in einen Kaninchenbau und der unsanften Landung an der Decke eines eigentümlichen Raumes, in welchem bereits ein Fläschchen mit der Aufschrift "Trink mich" auf die Verirrte wartet.

Während der kundige Zuschauer von einem Aha-Effekt zum nächsten geführt wird, kann sich Alice auf die nun folgenden Geschehnisse zunächst keinen Reim machen. Daß sie dieses Zauberreich bereits einmal besucht hat, hat Alice im grauen Alltagsgeschehen nämlich längst vergessen. Allein durch ihre Träume spuken nach Erinnerungen. Weshalb sich die junge Frau auch zunächst in einem Traum wähnt, während die Bewohner des bizarr-bunten Reiches behaupten, sie als Auserwählte zu erkennen - oder zumindest hoffen, dass sie der Schrecksherrschaft der Roten Königin (Helena Bonham Carter) beenden wird. Allerdings hat Alice in der kommenden Zeit nie die rechte Größe für die Rolle der Retterin. Und das sprichwörtlich, wächst und schrumpft sie doch während ihrer abenteuerlichen Reise von einer Schwierigkeit in die nächste. Zum Glück steht sie nicht ganz ohne Helfer da, wobei auch dem Verrückten Hutmacher (Johnny Depp) und der Grinsekatze (gesprochen von Stephen Fry) noch eine kopflastige Rolle zukommen wird.

Sowohl die Darstellung des Wunderlandes an sich, welches eigentlich korrekterweise Unterland geheißen wird, mit seinen extravaganten Wäldern, Ebenen, Wüsten, Ruinen und Palästen als auch die Umsetzung der noch extravaganteren Bewohner sind die großen Pluspunkte des Films. Denn jder Darsteller wird während des Films durch das Komplettprogramm aus Make-up- und Computereffekt-Kunst gezogen, so daß der Zuschauer ganz neue stauenswerten Seiten an ihnen entdecken darf. Dabei punkten insbesondere die nichtmenschlichen Figuren mit hoher Glaubwürdigkeit. Das Grinsen der Grinsekatze reicht tatsächlich von Ohr zu Ohr und der burbelnde Jabberwocky knirscht mit seinen Zähnen und kratzt mit seinen Krallen, daß es einen schauert.

Leider hinkt die Geschichte dem Fabelhaften hinterher. Zunächst hält Alice alles für einen Traum und weigert sich - ihrer rebellischen Natur folgend - irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Von denen ist sie schließlich auf der Flucht. der Film arbeitet aber nicht ganz treffsicher heraus, warum sich Alice schließlich umentscheidet, und schließlich ihren Weg geht. Dafür springt die Handlung zu sehr von einem Höhepunkt verrückt-durchgedrehter Begegnungen zur nächsten, ohne sich Zeit für das Innenleben und die Gefühle der Protagonisten zu geben. Da fehlt es dem Film etwas an der Seele, die Avatar zu seiner Größe verhalf. Alice reagiert meistens nur. Und wenn sie dennoch agiert, wird nicht deutlich warum. Vielleicht habe ich auch kleine Andeutungen übersehen. Vielleicht war mir auch Planet der Affen zu sehr im Gedächtnis, der unter einem ähnlichen Problem zusammenbricht.

Sei´s drum. Sehens- und wie dank Danny Elfman - auch wie immer hörenswert ist die Reise durch´s Unterland so oder so. Und am Ende findet Alice wie erwartet zu sich selbst. Und gewinnt die richtige Größe, um ihr Leben zu meistern.

Und die Metapher macht den Film schlußendlich doch richtig liebenswert.
Code Delphi. Hier aufhören.
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Donnerstag, 1. April 2010

Ein Haus, doch kein Zuhause

Code Delphi. Hier anfangen.
Als Schauplatz von schaurigen Geschichten haben Häuser einen festen Platz in Literatur und Filmen. Manche Häuser werden zu Tatorten. Manche Häuser werden von ihrer Vergangenheit eingeholt. Manche Häuser werden von den Toten heimgesucht.

Auch das Haus von dem Mark Z. Danielewski in Das Haus - House of Leaves erzählt, ist nicht wie die übrigen Häuser. Aber weder geschieht dort ein Verbrechen. Noch spukt es dort. Die Heimsuchung dieses Hauses ist anders. Und das Buch auch.

Dabei fängt die Geschichte eigentlich harmlos an. Sowohl die des Junkies Johnny Truant, der im Nachlass des alten Mannes mit Namen Zampanò Notizen, Aufzeichnungen und Entwürfe zu einer kulturhistorischen Filmbesprechung findet und sich an die Aufbereitung des umfangreichen Materials macht, welches der verstorbene Blinde zusammengetragen hat. Als auch die des Fotojournalisten Will Navidson, der mit seiner All-American-Dream-Family in ein neues Haus einzieht und diesen Vorgang mit allerlei Videocameras dokumentiert.

Die Betonung liegt auf eigentlich. Denn zunächst verläuft alles wie erwartet. Die Familie nimmt das Haus an der Ash Tree Lane in Besitz. Doch bevor sie sich dort heimisch fühlen können, fallen Navidson beim Vermessen des Hauses kleine Unregelmäßigkeiten auf. Zunächst wirken sie wie Messfehler. Doch als schließlich ein kurzer, völlig schwarzer Flur wie aus dem Nichts auftaucht, beginnt die Situation zu eskalieren. Plötzlich entwickelt das Haus eine - eigentümlich nachtschwarze - Architektur, die nicht nur der Physik und menschlichen Erfahrung spottet, sondern auch das Vorstellungsvermögen übersteigt - oder ist der Film bloß eine geschickte Fälschung?

Johnny wird jedenfalls zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Manuskripts bereits von Alpträumen gequält. Er verliert mehr und mehr das Vertrauen in die Festgefügtheit seiner Umwelt und hat Visionen von nachtschwarzer Dunkelheit. Und der Film, den Will Navidson dreht, wird unter dem Titel "Der Navidson Record" nicht nur Grundlage des Essays von Zampanò, sondern vielleicht verantwortlich für Zampanòs Tod sein. Und dem von allen, welche sich - nur kurz oder zu sehr? - mit dem Film beschäftigen. Aber vielleicht ist das auch nichts weiter als die Paranoia eines Junkies, der nicht nur mit dem interlektuellen Niveau der Filmbesprechung, sondern auch mit seinem Drogenkonsum überfordert ist?

Denn trickreich verweigert Danielewski dem Leser einen Erzähler, auf welchen er sich verlassen kann. Zampanò hat den Film, den er überaus kenntnisreich beschreibt, niemals gesehen - zumal er eigentlich blind ist. Navidson hat zwar angeblich den "Record" über das Haus gedreht, kommt aber sonst nicht zu Wort (und ist auch für Stellungnahme nicht erreichbar). Und Johnny dokumentiert zwar den Prozeß der Entstehung des vollständigen Essays, ist aber als Erzähler unzuverlässig und abschweifend.

Die eigentümliche Faszination der Geschichte liegt aber genau in dieser lückenhaften und sprunghaften Erzählweise. Denn wie bei einem Puzzle werden die Erlebnisse und Erkenntnisse von Navidson und seiner Familie, Zampanò und Johnny Teil für Teil aufgedeckt und zusammengefügt, wieder getrennt und neu geordnet, so dass sich für den Leser von Kapitel zu Kapitel scheinbare und tatsächliche Zusammenhänge ergeben, die nach und nach ein Bild von dem Geschehen im und um das Haus formen.

Dabei entwickelt Danielewski eine Sprache, die ausgesprochen filmisch wirkt, wenn es um den "Record" geht, und simuliert durch die graphische Präsentation des Textes den Entstehungsprozess des Werkes innerhalb des Werkes. Wie bei den Schnitten eines Films liest sich auch das Buch mal schneller und mal langsamer. Und wie Navidson bei den Aufnahmen der bizarren Zimmer, Fluren, Gängen, Türen und Hallen seines Hauses verliert sich der Leser bei der Lektüre in einem Labyrinth von Querverweisen, Fußnoten und Nebensträngen. Zumal er das Buch nicht ruhig in den Händen wird halten können, sondern es schließlich im Wortsinn drehen und wenden muss.

Tiefer und tiefer führt Danielewski seinen Leser dabei in einen geschickt konstruktiven Alptraum, in welchem ein Haus zu einem Ort der inneren und äußeren Hölle wird. Geschickt deshalb, weil er nahezu alle Klichees von Spukhäusern umgeht, er noch mit ihnen spielt und nebenbei ein originelles Grauen schafft, welches in seiner Unbegreiflichkeit die üblichen Verdächtigen - rachsüchtige Geister und höllische Dämonen - in den physikalisch unmöglichen Schatten stellt.

So wird aus einem Haus kein Heim. Und aus einem Buch ein besonderes Vergnügen.
Code Delphi. Hier aufhören.
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