Montag, 25. Januar 2010

Männer, die Frauen hassen

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Daß Schweden nicht nur ein Land mit besonderer, dunkel-melancholischer Atmosphäre ist, sondern auch über kluge Schriftsteller und Filmemacher verfügt, die jenseits der altbekannten Pfade lesens- und sehenswerte Geschichten erzählen können, ist mir nicht erst seit "So finster die Nacht" bekannt. Auch sind an mir die "Schweden"-Krimis von Henning Mankell nicht vorbei gegangen; so kam es dazu, daß ich "Die Hunde von Riga" gelesen habe. Aber so richtig gefangen hat das Buch mich nicht. Und auch nicht die TV-Verfilmungen der anderen Bücher. Vielleicht lag es an der irgendwie tranigen Hauptfigur, vielleicht auch daran, daß mir die Geschichten zu konstruiert und bedacht sozialkritisch vorkamen.

Auch Stieg Larsson ist ein Mann klarer und (sozial-)kritischer Worte. Aber seine Figuren haben nicht nur mehr Feuer, sondern werden auch in spannendere Geschichten verstrickt.

Im ersten Teil seiner "Millennium-Trilogie" Verblendung (im Original: Män som hatar kvinnor; also: Männer, die Frauen hassen) erleidet der engagierte Wirtschaftsjournalist Mikael "Kalle" Blomkvist vor Gericht zunächst eine bittere Niederlage gegen den dubiosen Industriellen Hans-Erik Wennerström - und wird wegen übler Nachrede verurteilt. Ein Umstand, der seine Karriere als verantwortlicher Herausgeber des kritischen Nachrichtenmagazins "Millennium" für´s erste auf´s Abstellgleis befördert. Wenn auch nur, um eine neue Strategie zu entwickeln. Da kommt Blumkvist das Angebot des großväterlichen Industriellen Hendrik Vanger gerade recht, der ihn offiziell bittet, eine Familienchronik zu schreiben und ihn inoffiziell damit beauftragt, das Verschwinden seiner Nichte Harriet aufzuklären, die am 22. September 1966 spurlos verschwand. Zunächst zweifelt Blomkvist daran, nach vierzig Jahren überhaupt etwas herausfinden zu können und tatsächlich kommt er mit seinen Ermittlung zunächst überhaupt nicht voran.

Ganz andere Sorgen hat indes die Informationsbeschafferin Lisbeth Salander, die im Auftrag ihres Chefs für Hendrik Vanger allerlei Informationen über Mikael Blomkvist beschafft hat. Denn obwohl sie erstaunlich gut mit Computern umgehen kann, steht die junge Frau wegen ihres abweichenden Sozialverhaltens unter Betreuung. Und ihr neuer Betreuer erweist sich als einer der titelgebenden Männer. In dem dürren Mädchen wittert er eine leichte Beute für Demütigung und Vergewaltigung. Doch Salander versteckt unter ihrer Punkattitüde, ihren Tattoos und Piercings nicht nur eine verletzliche Persönlichkeit, sondern auch Wut und Entschlußkraft, die ihren Peiniger auf kompromisslose Weise niederwalzt und dem Frauenfeind sein Leben bereits auf Erden zu verdienten Hölle macht.

Die Annährung der beiden Hauptfiguren macht nicht nur einen beachtlichen Teil der weiteren Geschichte aus, sondern auch einen Reiz des Buches. Larsson nimmt sich nicht nur Zeit, seine Geschichte auszubreiten, sondern entwickelt sie auch Stück für Stück nachvollziehbar und dennoch spannend. Selbst die zunächst frustierende Suche Blomkvist hat - auch aufgrund ihrer realistischen "Zähigkeit", die an David Finchers "Zodiac" erinnert - eine Sogwirkung auf den Leser, der ihn von Seite zu Seite Kapitel um Kapitel weiterzieht. Dazu trägt bei, daß die Hauptfiguren - allen voran Lisbeth Salander - sorgfältig ausgearbeitete Persönlichkeiten sind, deren Wesen und Hintergrund für den Leser stets genauso reizvoll sind wie das Rätsel, das sie ergründen, und die Gegenspieler, denen sie schließlich auf die Pelle rücken werden. Dabei führt Larsson seine Leser tiefer und tiefer in ein Reich der Finsternis, das gleich neben dem bürgerlichen liegt und glatt der Serie "MillenniuM" entsprungen sein könnte. Ohne daß seine Sozialkritik je aufdringlich wird, schildert Larsson dabei eindrucksvoll die Auswüchse einer Gesellschaft, in der hasserfüllte Männer ihre Begierden nach Macht hemmungslos ausleben (können) - sei es nun im Privat- oder im Wirtschaftsleben.

Wenig nimmt es da Wunder, daß die "Millennium-Trilogie" inzwischen - sehr erfolgreich - verfilmt worden ist. Erstaunlicherweise wurde dabei nicht nur der düstere Unterton der Vorlage gut getroffen, auch die zum Teil erschreckenden Wendungen in der Handlung sind geblieben. Wenn auch zurückhaltend in der Darstellung, haben sie doch ihre Schockwirkung behalten. Besonders im Gedächtnis bleiben aber die beiden Hauptfiguren, denen Michael Nyqvist und Noomi Rapace stets treffsicher Gesicht verleihen. Letztere hat dabei dank der eindruckvollen Vorarbeit wenig Mühe eine Frauenfigur zu schaffen, die wohl zu einer Ikone der Filmgeschichte werden wird, verschmiltzt aber derart rücksichtslos mit ihrer Figur, daß sie bereits allein den ganzen Film tragen könnte. Auch ohne die - wenn auch den Fokus auf die Ergründung von Harriets Schicksal legende - fesselnde Geschichte, die stets stimmige, mal atemlos bedrückende, mal fast heitere, dann wieder niederschmetternde Atmosphäre und die gelungenen fiesen und schauerigen Thrillermomente.

Schweden mag mitunter ein brutal-finsteres Land sein. Aber es schlägt seine Nachbarn mit seinen Geschichten in den Bann.

Und wer weiß. Vielleicht gebe ich Kommissar Wallander nochmal eine Chance, wenn Mikael und Lisbeth ihre Ermittlungen beendet haben.
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Donnerstag, 7. Januar 2010

Magie in 3D

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Nachdem ich James Camerons neustes Werk Avatar zunächst auf einer ganz gewöhnlichen Leinwand gesehen habe, besuchte ich eine zweite Vorstellung in einem 3D-Kino.

Es war - schlicht und einfach gesagt - ein Erlebnis.

Wie sicherlich ein Großteil der Zuschauer, die noch keinen Film im neuen 3D gesehen haben, war auch am Anfang skeptisch, ob die neue Technologie das Filmerlebnis wirklich aufwerten würde. Und der Umstand, daß ich sowieso Brillenträger bin, kam erschwerend hinzu. Denn bei den alten Rot-Grün-Verfahren waren die dünnen Brillen weder mit noch ohne zusätzliche Brillen angenehm zu tragen. Doch bereits nach Aushändigung der Real-D-Brillen zerstreuten sich diese Bedenken. Zwar ist es etwas gewöhnungsbedürftig, zwei Brillen gleichzeitig auf der Nase zu haben, und mitunter mußte ich während des Films etwas nachjustieren. Aber das bin ich bereits gewöhnt.

Und bereits während der zahlreichen Trailer konnte das Publikum einen ersten Eindruck davon gewinnen, welche zusätzlichen Möglichkeiten 3D bietet. Aber erst, als der Hauptfilm anliefert, wurde aus dem Interesse Begeisterung.

Nun ist bereits der 2D-Film überaus tiefscharf und von plastischer Schärfe. Aber als Jake Sully (Sam Worthington), der Protagonist der nächsten etwa 150 Minuten Abenteuer-Sci-Fi-Geschichte, aus seinem Schlafsarg hinaus in einen langen Saal an Bord eines Raumschiffs schwebt, ist die Illusion, als Zuschauer gerade tatsächlich anwesend zu sein, perfekt. Und damit ein Moment makelloser Kinomagie geschaffen.

Aber dabei bleibt es nicht. Zwar wirkt nicht in jeder Szene das 3D-Verfahren gleichermaßen spektakulär, aber insbesondere dann, wenn die Kamera die Augen eines fiktiven Zeugens der Handlung imitiert, wird der Zuschauer förmlich ins Geschehen gesogen und völlig gefangen.

Daran sind nicht so sehr die Handlung und die Charaktere beteiligt. Denn die erste ist recht vorhersehbar. Jake Sullys Mission auf dem Planeten Pandora besteht nämlich darin, das Vertrauen der dortigen Ureinwohner, der Na´vi, zu erlangen, wozu er ob der für Menschen giftigen Atmosphäre den titelgebenden Avatar mittels Gedankenkraft steuert. Und es gehört nicht viel dazu vorherzusehen, daß seine Loyalität bald schwanken wird, bieten ihm die Na´vi mit ihrer Naturverbundenheit eine Alternative zu seinem bisherigen, gescheiterten und trostlosen Leben. Und zudem die Aussicht auf eine selbstbewußte und hübsche Frau für´s Leben. Zweitens war und ist originelle Charakterzeichnung noch nie Camerons Stärke. Und so wundert es nicht, daß von der klugen, starrköpfigen Wissenschaftlerin, über den edlen Konkurrenten unter den Na´vi und über den kernigen und konfliktbereiten General bis hin zum kalten und gewinnfixierten Geschäftsmann alle Archetypen vertreten sind, die eine Geschichte vom Wandel eines Menschen benötigt. Aber ähnlich wie schon bei Titanic umschifft der Film geschickt schlimme Klicheeklippen und erzählte seine Geschichte so, daß die einzelnen Handlungen der Figuren immer nachvollziehbar und menschlich bleiben. Daß Kapital und Militär in der Geschichte dabei die Rolle der Bösewichte zukommt, liegt dabei weniger als ihnen als solchen, sondern vielmehr an ihrer Unfähigkeit, den Planeten Pandora als etwas anderes als eine Rohstoffquelle oder eine Bedrohung zu sehen. Für die Schönheit und den wahren Wert der Welt haben sie kein Auge.

Dafür umso mehr der Zuschauer, der gemeinsam mit dem mehr und mehr verzauberten Jake in eine fremde, unbekannte, gefahrenreiche, aber letztlich wunderbare Welt entführt wird, in der er von Augenöffner zu Augenöffner geführt wird. Die überaus sehenswerten Spezialeffekte - insbesondere in der Darstellung der Na´vi und der Flora und Fauna Pandoras - unterstützen dabei jederzeit die Illusion der Kinomagier von WETA Workshop und ILM. War Mittelerde schon ein Ort voller Niegesehendem, legt Pandora die Meßlatte noch ein Stück höher und wird zur neuen Referenz. Gerade diese Art von Magie in Verbindung mit dem 3D-Zauber ist denn auch das wahre Herzstück des Films, sorgt er doch dafür, daß sämtliche Abenteuerszenen des Filmes wie Jakes Jagdausflüge auf Pandora und sein Ritt auf einem Urwalddrachen absolut mitreißend in Szene gesetzt sind. Da ist es verständlich, daß die emotionale Bindung zu den Charakteren zunächst auf der Strecke bleibt. Doch spätestens im Finale fiebert der Zuschauer mit den Na´vi, die gemeinsam mit Jake um die Zukunft ihrer Welt kämpfen mit.

Und wird sicherlich gerührt, wenn Neytiri (Zoë Saldaña) und Jake sich auf eine Weise ihre gegenseitige Liebe gestehen, welche mühelos die Botschaft vermittelt, daß Liebe jede Grenze überwindet, ohne dabei plakativ zu werden.

Wenn die zukünftigen Filme die neue Kinomagie mit neuen Geschichten zu unterhaltsamen, mitreißenden und nachdenklichen Gesamtwerken vereinen, ist die Zukunft der Lichtzauberhäuser gesichert. Avatar zeigt dabei die richtige Marschroute an - und läßt doch Luft für Verbesserungen nach oben. Ein Meilenstein der Kinogeschichte wird er trotzdem werden.
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