Code Delphi. Hier anfangen.
Daß Schweden nicht nur ein Land mit besonderer, dunkel-melancholischer Atmosphäre ist, sondern auch über kluge Schriftsteller und Filmemacher verfügt, die jenseits der altbekannten Pfade lesens- und sehenswerte Geschichten erzählen können, ist mir nicht erst seit "So finster die Nacht" bekannt. Auch sind an mir die "Schweden"-Krimis von Henning Mankell nicht vorbei gegangen; so kam es dazu, daß ich "Die Hunde von Riga" gelesen habe. Aber so richtig gefangen hat das Buch mich nicht. Und auch nicht die TV-Verfilmungen der anderen Bücher. Vielleicht lag es an der irgendwie tranigen Hauptfigur, vielleicht auch daran, daß mir die Geschichten zu konstruiert und bedacht sozialkritisch vorkamen.
Auch Stieg Larsson ist ein Mann klarer und (sozial-)kritischer Worte. Aber seine Figuren haben nicht nur mehr Feuer, sondern werden auch in spannendere Geschichten verstrickt.
Im ersten Teil seiner "Millennium-Trilogie" Verblendung (im Original: Män som hatar kvinnor; also: Männer, die Frauen hassen) erleidet der engagierte Wirtschaftsjournalist Mikael "Kalle" Blomkvist vor Gericht zunächst eine bittere Niederlage gegen den dubiosen Industriellen Hans-Erik Wennerström - und wird wegen übler Nachrede verurteilt. Ein Umstand, der seine Karriere als verantwortlicher Herausgeber des kritischen Nachrichtenmagazins "Millennium" für´s erste auf´s Abstellgleis befördert. Wenn auch nur, um eine neue Strategie zu entwickeln. Da kommt Blumkvist das Angebot des großväterlichen Industriellen Hendrik Vanger gerade recht, der ihn offiziell bittet, eine Familienchronik zu schreiben und ihn inoffiziell damit beauftragt, das Verschwinden seiner Nichte Harriet aufzuklären, die am 22. September 1966 spurlos verschwand. Zunächst zweifelt Blomkvist daran, nach vierzig Jahren überhaupt etwas herausfinden zu können und tatsächlich kommt er mit seinen Ermittlung zunächst überhaupt nicht voran.
Ganz andere Sorgen hat indes die Informationsbeschafferin Lisbeth Salander, die im Auftrag ihres Chefs für Hendrik Vanger allerlei Informationen über Mikael Blomkvist beschafft hat. Denn obwohl sie erstaunlich gut mit Computern umgehen kann, steht die junge Frau wegen ihres abweichenden Sozialverhaltens unter Betreuung. Und ihr neuer Betreuer erweist sich als einer der titelgebenden Männer. In dem dürren Mädchen wittert er eine leichte Beute für Demütigung und Vergewaltigung. Doch Salander versteckt unter ihrer Punkattitüde, ihren Tattoos und Piercings nicht nur eine verletzliche Persönlichkeit, sondern auch Wut und Entschlußkraft, die ihren Peiniger auf kompromisslose Weise niederwalzt und dem Frauenfeind sein Leben bereits auf Erden zu verdienten Hölle macht.
Die Annährung der beiden Hauptfiguren macht nicht nur einen beachtlichen Teil der weiteren Geschichte aus, sondern auch einen Reiz des Buches. Larsson nimmt sich nicht nur Zeit, seine Geschichte auszubreiten, sondern entwickelt sie auch Stück für Stück nachvollziehbar und dennoch spannend. Selbst die zunächst frustierende Suche Blomkvist hat - auch aufgrund ihrer realistischen "Zähigkeit", die an David Finchers "Zodiac" erinnert - eine Sogwirkung auf den Leser, der ihn von Seite zu Seite Kapitel um Kapitel weiterzieht. Dazu trägt bei, daß die Hauptfiguren - allen voran Lisbeth Salander - sorgfältig ausgearbeitete Persönlichkeiten sind, deren Wesen und Hintergrund für den Leser stets genauso reizvoll sind wie das Rätsel, das sie ergründen, und die Gegenspieler, denen sie schließlich auf die Pelle rücken werden. Dabei führt Larsson seine Leser tiefer und tiefer in ein Reich der Finsternis, das gleich neben dem bürgerlichen liegt und glatt der Serie "MillenniuM" entsprungen sein könnte. Ohne daß seine Sozialkritik je aufdringlich wird, schildert Larsson dabei eindrucksvoll die Auswüchse einer Gesellschaft, in der hasserfüllte Männer ihre Begierden nach Macht hemmungslos ausleben (können) - sei es nun im Privat- oder im Wirtschaftsleben.
Wenig nimmt es da Wunder, daß die "Millennium-Trilogie" inzwischen - sehr erfolgreich - verfilmt worden ist. Erstaunlicherweise wurde dabei nicht nur der düstere Unterton der Vorlage gut getroffen, auch die zum Teil erschreckenden Wendungen in der Handlung sind geblieben. Wenn auch zurückhaltend in der Darstellung, haben sie doch ihre Schockwirkung behalten. Besonders im Gedächtnis bleiben aber die beiden Hauptfiguren, denen Michael Nyqvist und Noomi Rapace stets treffsicher Gesicht verleihen. Letztere hat dabei dank der eindruckvollen Vorarbeit wenig Mühe eine Frauenfigur zu schaffen, die wohl zu einer Ikone der Filmgeschichte werden wird, verschmiltzt aber derart rücksichtslos mit ihrer Figur, daß sie bereits allein den ganzen Film tragen könnte. Auch ohne die - wenn auch den Fokus auf die Ergründung von Harriets Schicksal legende - fesselnde Geschichte, die stets stimmige, mal atemlos bedrückende, mal fast heitere, dann wieder niederschmetternde Atmosphäre und die gelungenen fiesen und schauerigen Thrillermomente.
Schweden mag mitunter ein brutal-finsteres Land sein. Aber es schlägt seine Nachbarn mit seinen Geschichten in den Bann.
Und wer weiß. Vielleicht gebe ich Kommissar Wallander nochmal eine Chance, wenn Mikael und Lisbeth ihre Ermittlungen beendet haben.
Code Delphi. Hier aufhören.
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Daß Schweden nicht nur ein Land mit besonderer, dunkel-melancholischer Atmosphäre ist, sondern auch über kluge Schriftsteller und Filmemacher verfügt, die jenseits der altbekannten Pfade lesens- und sehenswerte Geschichten erzählen können, ist mir nicht erst seit "So finster die Nacht" bekannt. Auch sind an mir die "Schweden"-Krimis von Henning Mankell nicht vorbei gegangen; so kam es dazu, daß ich "Die Hunde von Riga" gelesen habe. Aber so richtig gefangen hat das Buch mich nicht. Und auch nicht die TV-Verfilmungen der anderen Bücher. Vielleicht lag es an der irgendwie tranigen Hauptfigur, vielleicht auch daran, daß mir die Geschichten zu konstruiert und bedacht sozialkritisch vorkamen.
Auch Stieg Larsson ist ein Mann klarer und (sozial-)kritischer Worte. Aber seine Figuren haben nicht nur mehr Feuer, sondern werden auch in spannendere Geschichten verstrickt.
Im ersten Teil seiner "Millennium-Trilogie" Verblendung (im Original: Män som hatar kvinnor; also: Männer, die Frauen hassen) erleidet der engagierte Wirtschaftsjournalist Mikael "Kalle" Blomkvist vor Gericht zunächst eine bittere Niederlage gegen den dubiosen Industriellen Hans-Erik Wennerström - und wird wegen übler Nachrede verurteilt. Ein Umstand, der seine Karriere als verantwortlicher Herausgeber des kritischen Nachrichtenmagazins "Millennium" für´s erste auf´s Abstellgleis befördert. Wenn auch nur, um eine neue Strategie zu entwickeln. Da kommt Blumkvist das Angebot des großväterlichen Industriellen Hendrik Vanger gerade recht, der ihn offiziell bittet, eine Familienchronik zu schreiben und ihn inoffiziell damit beauftragt, das Verschwinden seiner Nichte Harriet aufzuklären, die am 22. September 1966 spurlos verschwand. Zunächst zweifelt Blomkvist daran, nach vierzig Jahren überhaupt etwas herausfinden zu können und tatsächlich kommt er mit seinen Ermittlung zunächst überhaupt nicht voran.
Ganz andere Sorgen hat indes die Informationsbeschafferin Lisbeth Salander, die im Auftrag ihres Chefs für Hendrik Vanger allerlei Informationen über Mikael Blomkvist beschafft hat. Denn obwohl sie erstaunlich gut mit Computern umgehen kann, steht die junge Frau wegen ihres abweichenden Sozialverhaltens unter Betreuung. Und ihr neuer Betreuer erweist sich als einer der titelgebenden Männer. In dem dürren Mädchen wittert er eine leichte Beute für Demütigung und Vergewaltigung. Doch Salander versteckt unter ihrer Punkattitüde, ihren Tattoos und Piercings nicht nur eine verletzliche Persönlichkeit, sondern auch Wut und Entschlußkraft, die ihren Peiniger auf kompromisslose Weise niederwalzt und dem Frauenfeind sein Leben bereits auf Erden zu verdienten Hölle macht.
Die Annährung der beiden Hauptfiguren macht nicht nur einen beachtlichen Teil der weiteren Geschichte aus, sondern auch einen Reiz des Buches. Larsson nimmt sich nicht nur Zeit, seine Geschichte auszubreiten, sondern entwickelt sie auch Stück für Stück nachvollziehbar und dennoch spannend. Selbst die zunächst frustierende Suche Blomkvist hat - auch aufgrund ihrer realistischen "Zähigkeit", die an David Finchers "Zodiac" erinnert - eine Sogwirkung auf den Leser, der ihn von Seite zu Seite Kapitel um Kapitel weiterzieht. Dazu trägt bei, daß die Hauptfiguren - allen voran Lisbeth Salander - sorgfältig ausgearbeitete Persönlichkeiten sind, deren Wesen und Hintergrund für den Leser stets genauso reizvoll sind wie das Rätsel, das sie ergründen, und die Gegenspieler, denen sie schließlich auf die Pelle rücken werden. Dabei führt Larsson seine Leser tiefer und tiefer in ein Reich der Finsternis, das gleich neben dem bürgerlichen liegt und glatt der Serie "MillenniuM" entsprungen sein könnte. Ohne daß seine Sozialkritik je aufdringlich wird, schildert Larsson dabei eindrucksvoll die Auswüchse einer Gesellschaft, in der hasserfüllte Männer ihre Begierden nach Macht hemmungslos ausleben (können) - sei es nun im Privat- oder im Wirtschaftsleben.
Wenig nimmt es da Wunder, daß die "Millennium-Trilogie" inzwischen - sehr erfolgreich - verfilmt worden ist. Erstaunlicherweise wurde dabei nicht nur der düstere Unterton der Vorlage gut getroffen, auch die zum Teil erschreckenden Wendungen in der Handlung sind geblieben. Wenn auch zurückhaltend in der Darstellung, haben sie doch ihre Schockwirkung behalten. Besonders im Gedächtnis bleiben aber die beiden Hauptfiguren, denen Michael Nyqvist und Noomi Rapace stets treffsicher Gesicht verleihen. Letztere hat dabei dank der eindruckvollen Vorarbeit wenig Mühe eine Frauenfigur zu schaffen, die wohl zu einer Ikone der Filmgeschichte werden wird, verschmiltzt aber derart rücksichtslos mit ihrer Figur, daß sie bereits allein den ganzen Film tragen könnte. Auch ohne die - wenn auch den Fokus auf die Ergründung von Harriets Schicksal legende - fesselnde Geschichte, die stets stimmige, mal atemlos bedrückende, mal fast heitere, dann wieder niederschmetternde Atmosphäre und die gelungenen fiesen und schauerigen Thrillermomente.
Schweden mag mitunter ein brutal-finsteres Land sein. Aber es schlägt seine Nachbarn mit seinen Geschichten in den Bann.
Und wer weiß. Vielleicht gebe ich Kommissar Wallander nochmal eine Chance, wenn Mikael und Lisbeth ihre Ermittlungen beendet haben.
Code Delphi. Hier aufhören.