Code Delphi. Hier anfangen.
Vor wenigen Tagen flimmerte in den USA die letzte Folge der sechsten und letzten Staffel von LOST über die Fernsehschirme. Eine der wegweisenden TV-Serien des ersten Jahrzehnts hat damit ihren Abschluß gefunden. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, daß das Ende nicht nur der Serie angemessen, sondern auch irgendwie "zyklisch" war. Wer ab jetzt weiterliest, der läuft Gefahr, sich die eine oder andere Story-Wendung zu spoilern. Also Obacht!
Die sechste Staffel beginnt mit eben jenem hellen Licht, welches die Protagonisten am ende der fünften Staffel einhüllte - und siehe da: Die Protagonisten befinden sich wieder an Bord von Flug 815, der nach einigen Turbulenzen sicher auf dem LAX landet... während die Insel aufgrund des "Zwischenfalls" wohl im Meer versunken ist.
In den ersten Minuten macht die Serie - mal wieder - den Eindruck, in vertrautes Sci-Fi-Fahrwasser zu steuern. Tatsächlich macht es den Anschein, daß die Explosion des Strengkerns der Wasserstoffbombe die Vergangenheit erfolgreich verändert hat. Doch LOST wäre nicht LOST, wenn diese Vermutung nicht ebenso rasch wieder in Frage gestellt werden würde, wie sie aufgebracht wurde. Denn die Losties finden sich gleichzeitig (?) auf der Insel wieder, genau neben den Überresten der Station, in dessen Inneren sie in der 2. Staffel wieder und wieder einen Knopf gedrückt haben. War alles umsonst? Die sterbene Juliet jedenfalls behauptet erst das Scheitern der Mission, wispert Miles aber nach ihrem Ableben zu, daß doch alles geklappt habe...
Und so kommt auf den Zuschauer in der gesamten Staffel ein weiteres Rätsel dazu: Was hat mit der seltsamen Parallelwelt auf sich, die so wirkt, als sei sie eine Nicht-Absturz-Welt, aber nicht nur ein sehr eigenartiges Szenenwechselgeräusch in die Serie bringt, welches nämlich eher wie ein startenes Düsenflugzeug klingt und nicht wie das übliche Horn, sondern in welcher auch die Charaktere wie magnetisch-elektrisch von einander angezogen werden, ganz so als sei es ihr Schicksal oder eine Häufung von Zufällen.
"Zyklisch" ist die sechste Staffel schon deshalb, weil die Thema, welche LOST seit der ersten Staffel beherrschen, auch in der sechsten Staffel wieder eine gewichtige Rolle spielen. Wenn auch einige Charaktere inzwischen den gegensätzlichen Standpunkt einnehmen: Jack wandelt sich im Laufe der Ereignisse mehr und mehr zu einem Gläubigen, während der geheimnisvolle "Feind", die Nemesis von Jacob, in der Gestalt von John Locke als Vertreter für den freien und selbständigen Willen auftritt, wenn auch auf einer sehr viel egoistischeren Position als zuvor Jack. Der Konflikt, der zwischen den beiden und ihren Verbündeten herauf dämmert, ist dabei weniger der - von vielen Kritikern und Zuschauern beschriebene - Kampf zwischen Gut und Böse, als vielmehr der Streit zwischen grenzenloser, individueller Freiheit und Akzeptanz der Freiheit des anderen und Unterordnung unter die Bedürfnisse anderer.
Der Konflikt ist ebenso wendungsreich wie spannend, aber letztlich - wie auch die zahlreichen Geheimnisse, welche die Insel birgt und weiter bewahren wird, nur eine Nebenhandlung. Zwar werden im Laufe der letzten Folgen Antworten auf alle Fragen gegeben, wie etwa auf die, woher Richard Alpert und die Black Rock stammen, und die, wie das Smocke Monster entstanden ist, aber die Autoren sind sich im Klaren darüber, daß jede Antwort zu weiteren Fragen führen wird. Und so nutzen sie den Auftritt einer Figur, die in anderen Geschichten unter anderen Schreibern dem Architekten der Matrix gleich die Handlung komplett zu erklären versuchen könnte, eben dazu, dem Zuschauer genau dieses Dilemma aufzuzeigen - um sich danach auf den eigentlichen Schwerpunkt der Geschichte zu konzentrieren. Nämlich die Charaktere.
Und so finden sich am Ende von LOST für die liebgewonnenen Protagonisten Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen: "Warum bin ich hier?" und "Wer ist mir wichtig und wem bin ich wichtig?". Die Insel ist - für jeden auf seine Weise - die Antwort auf diesen Fragen. Und das Ende ist auf seine sehr eigentümliche Weise nicht zwangsläufig von Glück durchtränkt, aber dafür von einem tröstlichen Sinn für alle Dramen ausgestattet. Und so finden tatsächlich Handlungsfäden einen Abschluß, die der Zuschauer schon für verloren und vergessen hielt. Mit der letzten Einstellung eines sich schließenden Auges finden die Macher dann auch das passende Bild für den Kreis des Lebens und der Erzählung, der sich nun schließt.
Und so endet LOST so eindrucksvoll ungewöhnlich wie es begonnen hat. Und der Zuschauer, der es mitdurchlitten hat, fühlt sich am Ende FOUND.
Code Delphi. Hier aufhören.
Lies weiter...
Vor wenigen Tagen flimmerte in den USA die letzte Folge der sechsten und letzten Staffel von LOST über die Fernsehschirme. Eine der wegweisenden TV-Serien des ersten Jahrzehnts hat damit ihren Abschluß gefunden. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, daß das Ende nicht nur der Serie angemessen, sondern auch irgendwie "zyklisch" war. Wer ab jetzt weiterliest, der läuft Gefahr, sich die eine oder andere Story-Wendung zu spoilern. Also Obacht!
Die sechste Staffel beginnt mit eben jenem hellen Licht, welches die Protagonisten am ende der fünften Staffel einhüllte - und siehe da: Die Protagonisten befinden sich wieder an Bord von Flug 815, der nach einigen Turbulenzen sicher auf dem LAX landet... während die Insel aufgrund des "Zwischenfalls" wohl im Meer versunken ist.
In den ersten Minuten macht die Serie - mal wieder - den Eindruck, in vertrautes Sci-Fi-Fahrwasser zu steuern. Tatsächlich macht es den Anschein, daß die Explosion des Strengkerns der Wasserstoffbombe die Vergangenheit erfolgreich verändert hat. Doch LOST wäre nicht LOST, wenn diese Vermutung nicht ebenso rasch wieder in Frage gestellt werden würde, wie sie aufgebracht wurde. Denn die Losties finden sich gleichzeitig (?) auf der Insel wieder, genau neben den Überresten der Station, in dessen Inneren sie in der 2. Staffel wieder und wieder einen Knopf gedrückt haben. War alles umsonst? Die sterbene Juliet jedenfalls behauptet erst das Scheitern der Mission, wispert Miles aber nach ihrem Ableben zu, daß doch alles geklappt habe...
Und so kommt auf den Zuschauer in der gesamten Staffel ein weiteres Rätsel dazu: Was hat mit der seltsamen Parallelwelt auf sich, die so wirkt, als sei sie eine Nicht-Absturz-Welt, aber nicht nur ein sehr eigenartiges Szenenwechselgeräusch in die Serie bringt, welches nämlich eher wie ein startenes Düsenflugzeug klingt und nicht wie das übliche Horn, sondern in welcher auch die Charaktere wie magnetisch-elektrisch von einander angezogen werden, ganz so als sei es ihr Schicksal oder eine Häufung von Zufällen.
"Zyklisch" ist die sechste Staffel schon deshalb, weil die Thema, welche LOST seit der ersten Staffel beherrschen, auch in der sechsten Staffel wieder eine gewichtige Rolle spielen. Wenn auch einige Charaktere inzwischen den gegensätzlichen Standpunkt einnehmen: Jack wandelt sich im Laufe der Ereignisse mehr und mehr zu einem Gläubigen, während der geheimnisvolle "Feind", die Nemesis von Jacob, in der Gestalt von John Locke als Vertreter für den freien und selbständigen Willen auftritt, wenn auch auf einer sehr viel egoistischeren Position als zuvor Jack. Der Konflikt, der zwischen den beiden und ihren Verbündeten herauf dämmert, ist dabei weniger der - von vielen Kritikern und Zuschauern beschriebene - Kampf zwischen Gut und Böse, als vielmehr der Streit zwischen grenzenloser, individueller Freiheit und Akzeptanz der Freiheit des anderen und Unterordnung unter die Bedürfnisse anderer.
Der Konflikt ist ebenso wendungsreich wie spannend, aber letztlich - wie auch die zahlreichen Geheimnisse, welche die Insel birgt und weiter bewahren wird, nur eine Nebenhandlung. Zwar werden im Laufe der letzten Folgen Antworten auf alle Fragen gegeben, wie etwa auf die, woher Richard Alpert und die Black Rock stammen, und die, wie das Smocke Monster entstanden ist, aber die Autoren sind sich im Klaren darüber, daß jede Antwort zu weiteren Fragen führen wird. Und so nutzen sie den Auftritt einer Figur, die in anderen Geschichten unter anderen Schreibern dem Architekten der Matrix gleich die Handlung komplett zu erklären versuchen könnte, eben dazu, dem Zuschauer genau dieses Dilemma aufzuzeigen - um sich danach auf den eigentlichen Schwerpunkt der Geschichte zu konzentrieren. Nämlich die Charaktere.
Und so finden sich am Ende von LOST für die liebgewonnenen Protagonisten Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen: "Warum bin ich hier?" und "Wer ist mir wichtig und wem bin ich wichtig?". Die Insel ist - für jeden auf seine Weise - die Antwort auf diesen Fragen. Und das Ende ist auf seine sehr eigentümliche Weise nicht zwangsläufig von Glück durchtränkt, aber dafür von einem tröstlichen Sinn für alle Dramen ausgestattet. Und so finden tatsächlich Handlungsfäden einen Abschluß, die der Zuschauer schon für verloren und vergessen hielt. Mit der letzten Einstellung eines sich schließenden Auges finden die Macher dann auch das passende Bild für den Kreis des Lebens und der Erzählung, der sich nun schließt.
Und so endet LOST so eindrucksvoll ungewöhnlich wie es begonnen hat. Und der Zuschauer, der es mitdurchlitten hat, fühlt sich am Ende FOUND.
Code Delphi. Hier aufhören.