Samstag, 29. Dezember 2007

Gegen die Brennende Legion

Code Delphi. Hier anfangen.
Seit etwa einem Jahr ziehe ich mehr oder weniger regelmäßig als wacker Menschen-Paladin durch die Gefilde der fantastischen Welt Azeroth, immer bereit die Schwachen und Hilflosen gegen die Mächte der Finsternis zu verteidigen. Ein Streitkolben ist dabei meine Waffe, ein Schild meine Wehr. Und wenn es sei muss, rufe ich die Mächte des Lichts an, um Wunden zu heilen, Feinde zu betäuben und mit machtvollen Siegeln Recht zu wirken.

Selbstverständlich ist die Rede von dem Online-Rollenspiel World of Warcraft, das in den letzten Monaten meine Freizeit erheblich beansprucht hat. Grund dafür war der Umstand, dass mein Charakter endlich die 60. Stufe erreicht hat. Früher war da Schluss. Erfahrender konnte einen Charakter durch das Absolvieren von Quests und das Bezwingen schauerlicher Ungeheuer nicht werden. Bis Anfang des Jahrers das Addon Burning Cursade erschien und die Level-Grenze auf 70 angehoben wurde. Das Ziel hab ich noch nicht ganz erreicht. Aber dafür steht mir jetzt ein weiterer Teil der Welt von WoW, wie das Spiel abgekürzt wird, offen: Die Scherbenwelt.

Und ich bin wirklich angetan. Natürlich ist die Grafik des Spiels rein technisch nicht mehr ganz state-of-the-art. Aber die zerstümmerten Ländereien der Scherbenwelt, die in einer von Sternen und Sonnennebeln durchdrungenen Finsternis schweben, machen mit ihren schiefen und krummen Böden Eindruck. Ich kämpfe ab und an mit leichten Anfällen von virtuellem Schwindel und Höhenangst. Genauso spannend wie die Graphik ist die Geschichte der Scherbenwelt, die nämlich nur durch ein Dunkles Portal zu erreichen ist. Das wurde von einer mutigen Expedition von zwanzig Jahren geschlossen und zwar sozusagen von innen. Doch jetzt wurde es wieder auf gestoßen, denn die namensgebene Brennende Legion, eine Horde von bösartigen Dämonen, versucht durch diese Pforte nach Azeroth zu gelangen. Ziemlich einleuchtend, dass das nicht passieren darf. Ziemlich klar auch, wer verhindern muss, dass das passiert: Die Spieler.

Davon gibt es bei WoW weltweit inzwischen sechs Millionen. Und darin liegt ein großer Teil der Faszination von Onlinerollenspielen. Man spielt nie allein. Waren Computerspiele in den neuziger Jahren eher einsame Geschichten, besteht jetzt die Möglichkeit gemeinsam mit anderen Menschen nächtlang zu zocken.

Diese soziale Komponente ist für mich ein echter Vorteil. Aus mehreren Gründen. Zusammen mit anderen lassen sich Probleme in Computerspielen leichter bewältigen. Denn wenn einem die Ideen gerade ausgehen, wie man wohl gegen eine Monsterhorde am besten bestehen könnte, kommt einem der Mitspieler der entscheidene Einfall.
Gemeinsam Erlebtes verbindet zudem, so dass man sowohl im Spiel als auch in der Realität immer einen Bezug zu seinen Online- wie Offlinefreunden aufbauen und stärken kann. Gern erinnert man sich dann man Lagerfeuer oder bei einem Kaffee an den ersten Ausflug in die verwüstete Stadt Straholme oder an den Gang durch das Dunkle Portal. Das fördert den Zusammenhalt. Genauso natürlich wie eine Reise nach Schottland oder eine gemeinsame Achterbahnfahrt. Eingeräumt.
Virtuelle Abenteuer mögen mit denen in der Realität zwar nicht mitkommen, aber wo hat man in unser abgesicherten und regulierten Welt schon noch die Gelegenheit, richtige Abenteuer zu erleben? Vielleicht während eines entsprechenden Urlaubs oder auf einem Liverollenspiel. Kostet aber mehr Zeit und Geld und Organisation als ein Ausflug nach Azeroth. Abgesehen davon, dass ich die gefahrvollen Questen meines Paladins gar nicht real (oder pseudo real) erleben möchte. Durch Ruinenstädte hetzten? Durch Urwald, Schneewüste oder Feuerland wandern? Wäre doch etwa zu ansprengend. Von der Verletzungsgefahr mal abgesehen. Und ich spreche nicht bloß von Blasen an den Füßen und von Sonnenbrand. Da hat ein virtuelles Abenteuerdasein schon seine Vorteile.
Darin liegt ein Reiz des Spiels.
Außerdem kann man sich schnell und unkompliziert mit Freunden treffen, mit denen man sonst nichts unternehmen kann. Klingt vielleicht etwas befremdlich auf den ersten Blick, ist aber für mich ein gewichtiger Grund. Denn die moderne Studien- und Arbeitswelt hat viele meiner Freunde an Orte verschlagen, die nicht bloß einen Mausklick entfernt sind, sondern eine mehrstündige Auto- oder Bahnfahrt. Bei meinem Budget sind da Besuche leider selten. Aber zumindest virtuell kann ich meine Freunde treffen. Wenn auch die Aktivitäten dann andere sind. Dieser Umstand mag gerade der älternen Generation befremdlich erscheinen. Meine Eltern waren jedenfalls am Anfang immer verwirrt, wenn ich davon sprach, mit dem oder der heute abend noch was zu machen und fragten: "Aber die sitzen doch in Hamburg...?"
Tja, die Segnungen der modernen Technik. Früher hat man solche Menschen aus den Augen verloren und mußte sich neue Freunde suchen. Heute ist es einfacher, mit ihnen befreundet zu bleiben. Und neue zu finden, mit denen man auf Abenteuer gehen kann. Denn in meiner Gruppe ist fast immer ein Plätzchen für einen wackerer Mitspieler frei.
Wer also auf dem Server "Die Arguswacht" einem Helden namens Cillian begegnet und Hilfe braucht, darf mich gerne fragen. Wenn es meine Zeit erlaubt, ziehe gerne mit Euch los. Die Brennende Legion wird fallen!

Noch ein Nachtrag, etwas nachdenklich stimmend. Die Bundesregierung hat beschlossen, sogenannte "gewaltbeherrschte" Spiele aus Gründen des Jugendschutzes zu verbieten. Darunter sollen Spiele zu verstehen sein, die "besonders realistische, grausame und reißerische Gewaltdarstellungen und Tötungshandlungen beinhalten, die das mediale Geschehen selbstzweckhaft beherrschen".
WoW ist aufgrund der bunten Comic-Graphik wahrscheinlich nicht betroffen. Und über den Selbstzweck der im Spiel dargestellten "Gewalt" kann man sowieso streiten. Aber da als Defintion für gewaltbeherrscht auch schon "Erhalt von Belohnungen wie zusätzlichen Lebenspunkten und Erfahrung durch das Töten von Gegnern" im Gespräch war, verfolge ich die Entwicklung weiter. Ich halte den Jugendschutz nicht für überflüssig, frage mich aber, ob die neue Defintion mehr Schutz für Jugendliche bedeutet. Denn in meiner Wahrnehmung ist nicht das Angebot von gewalttätigen Spielen das Problem, sondern die Abwesenheit von Erwachsenen, die ihren Kindern den richtigen Umgang mit Computerspielen vermitteln und gegebenfalls auch mal "Nein!" zum Wunsch eines Zwölfjährigen sagen, "Doom 3" geschenkt zu bekommen. Und die unzutreffenden Äußerungen und die mangelnde Bereitschaft zur intensiven Auseinadersetzung mit diesem Medium von Seiten der Politik und den meisten Massenmedien bestätigen mich in dieser Auffassung.
Leider.
Code Delphi. Hier aufhören.

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