Donnerstag, 7. Februar 2008

Auge in Auge mit den Monstern

Code Delphi. Hier anfangen.
Das neue Jahr begann für mich mit Dulverdampf von Raketen und Böller wie annodunnemals auf irgendeinem Schlachtfeld, fast wund getanzten Füßen und mittelleckerem Döner - in der Mikrowelle erhitzt. Letzteres ist eben notwendig, wenn einen nach dem Reinfeiern in "Der Fabrik" (HH) noch der Hunger packt und das Essen dann durch die halbe Stadt transportiert wird... bei Eiseskälte. Aber diese wenigen Worte mögen nur für alljene dienen, die sich fragen, wie ich wohl ins neue Jahr gekommen bin. Danke, gut. Um eine Erfahrung reicher.

Wenn´s draußen schon früh dunkel wird, spricht ja wenig dagegen, sich in dunkle Räume zurückzuziehen und Filme zu schauen. Ich mache das immer wieder gern im Kino. Man kann sagen, was man will. Die Kinowerbung "Dafür werden Filme gemacht" hat einen wahren Kern. Manche Filme wirken im Kino einfach besser. Wenn die Leinwand meterhoch vor Dir aufragt, der Sound Dir in die Ohren brüllt und die Dunkelheit Dir einen Schauer über die Haut jagt, merkst Du, wie langweilig Fernsehen sein kann...

Wenn dann noch Filme gezeiget werden, die den Herzschlag so gekonnt in die Höhe treiben wie "Der Nebel" und "Cloverfield", beginnt das neue Jahr für mich richtig gut. Ich mag es düster, schauerlich und beängstigend. Wenn sich dann noch das Gefühl einstellt, clever und durchdacht unterhalten worden zu sein, zahle ich gern 5 bis 7 Euro für zwei Stunden Film. Tauchen wir ein bißchen mehr in die Schreckenswelt der beiden Horrorstücke ein...

"Der Nebel" basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King, die neben seinen Klassikern zu Unrecht eher unbekannt ist. Durch einen Zufall hatte ich das Buch "Im Morgengrauen", in welchem die Story in Deutschland erschienen ist, in einem Haufen Bücher entdeckt, die meine Mutter eines Tages von irgendwo mitgebracht hatte. Die meisten Taschenbücher waren eher uninteressant. Aber da ich von King schon einiges gelesen hatte, gab ich dem Band eine Chance. Und die letzte Geschichte handelte von jenem besagten Nebel und gefiel mir von allen anderen schon damals am besten. Kurz vor dem Film las ich sie nochmal quer und erschauderte wie damals. Kein Wunder, dass ich mit gemischten Gefühlen in den Film ging. Verfilmungen können ja auf schmerzhafte Weise schief gehen... siehe "Eragon".

Frank Darabont, der Regisseur des Films, kann allerdings auf Erfahrung mit den Stoffen von Herrn King verweisen, hat er doch schon "Die Verurteilten" und "The Green Mile" erfolgreich auf die Leinwand gebannt. Dass beide Stücke eher Dramen als klassischer Horror sind, ist letztlich nicht hinderlich. Denn auch "Der Nebel" lebt vom Drama. Und das beherrscht Herr Darabont fast makellos. Seine Geschichte beginnt - wie die von King - mit einem Sommersturm, der das Haus des Malers David Drayton (sehr sensibel gesspielt vom "Punisher" Thomas Jane - wer hätte das gedacht?) beschädigt, so dass dieser mit seinem Sohn Billy in Stadt zum Supermarkt fährt, um dort Werkzeug und Vorräte zu kaufen. Denn die Stormversorgung ist zusammengebrochen. Kaum im Laden angekommen, rollt eine Nebelwand über den Parkplatz und hüllt den Supermarkt ein. Mit der Beweglichkeit des Schlechtwetterphänomens scheint etwas nicht zu stimmen und als ein Mann mit blutender Nase durch die Tür stürmt und behauptet, im Nebel sei irgendein bösartiges Etwas schleicht sich langsam, aber unaufhaltsam das Grauen in die heile Welt und verwandelt sie unaufhaltsam in ein Albtraumland. Stück für Stück brechen die Fassaden der Bürgerlichkeit und Zivilisation auf, als die Eingeschlossenen die unfassbare Wahrheit dessen zu verstehen versuchen, was draußen geschehen ist. Schon bald verändert ihre Angst alles...

Der Film lebt von seiner klaustrophobischen Atmosphäre und dem guten Drehbuch, das aus der Kurzgeschichte das Wesentliche extrahiert und akkurat auf die Leinwand umsetzt. Der Horror, der sich im Nebel verbirgt, ist so plastisch und erschreckend in Szene gesetzt, dass es einem den Atem verschlägt. Noch beängstigender ist aber die Reaktion der Menschen, die sich trotz - oder gerade wegen - einiger kluger Ideen im Netz der Panik verstricken und bald der Interpretation von Mrs. Carmody (vielschichtig: Marcia Gay Harden) glauben, der Nebel sei das Strafgericht Gottes und die Apokalypse stünde bevor. Es spricht für den Film, dass die Motivation der bibelfesten Dame nicht bloße Bösartigkeit ist, sondern Angst gepaart mit seltsamen Entwicklungen. Denn die rationalen Verstandesmenschen werden gleich zu Beginn Opfer ihres Eigensinns und ihrer Verwegenheit. Unerbittlich wie ein Uhrwerk läuft der Film auf sein Finale zu und obwohl die Entwicklung dorthin angedeutet und von den Charakteren sogar befürchtet wird, gelingt es dem klugen Drehbuch und der raffinierten Kamera das erwartete Grauen noch zu toppen. Und das Finale überbietet sogar das der Kurzgeschichte an emotionaler Wucht, Konsequenz und Tragik. Es wirkt nach. Lange.

Und macht - wie wohl beabsichtigt - nachdenklich. Denn natürlich ist "Der Nebel" eine Geschichte über das Gefühl unserer Zeit, in der uns eine unsichtbare Gefahr bedroht (oder zu bedrohen scheint?). Werden wir zulassen, dass unsere berechtigte Angst unsere Wahrnehmung verzehrt?

Aktuelle Bezüge läßt auch "Cloverfield" nicht vermissen. Dafür sorgt schon die ungewöhnliche Optik des Films. Komplett mit Handkamera aus der Perspektive einer der Hauptfiguren gedreht, erinnern die Bilder, die während des Angriff eines irgendeines bösartigen Etwas auf New York entstehen, an die Schrecksbilder derer, die den Einsturz der Twin Towers festhielten. Dass mag man beim einem Unterhaltungsfilm unangemessen finden, aber der Film verfällt nie in Sensationslust und wahrt sich immer - selbst bei den fiesesten Schockszenen - eine achtenswerte Sensiblitität in Bezug auf die Menschen. Die Kamera hält nicht auf alles drauf. Und die Kommentare der Hauptpersonen wirken eben ehrlich betroffen. Der Versuch, eine Katastrophe authentisch abzubilden. Und in unserer Zeit geht das wohl nicht mehr ohne Assoziationen an den 11. September. Die Optik hat aber auch ihren Sinn. J.J.Abrams (der Produzent des Streifens) hat nicht ganz unrecht, wenn er die Meinung vertritt, dass die erste Reaktion heutiger Menschen auf das Erscheinen eines Ungeheuers wahrscheinlich die wäre, es für andere Menschen, die wissen wollen, wie es passiert ist, zu filmen... vorausgesetzt der Abstand zum Monster stimmt.

Der wird für die Hauptpersonen in dem kurzen, aber aktionreichen Film mitunter dünner als gut für sie ist. Dafür erhält der Zuschauer die Möglichkeit, Special Effects zu bewundern, die sich nahlos in die teils verwackelten und teils schwankenden Bilder der Handkamera einfügen. Die Manipulation ist gerade dank der verschiedenen Kameraspielereien wie Nachtsicht und Lampenbeleuchtung so perfekt, dass man danach keinen Bilder mehr ganz vertrauen kann. Oder will. Beruhigend zu wissen, dass New York noch steht. Kurz zur Handlung: Eigenlich soll der Kameraamatuer Hud (T.J.Miller) eine Juppieparty für seinen nach Japan wegbeförderten Freund Rob (Micheal Stahl-David) festhalten. Doch kurz bevor die oberflächlichen Partygespräche und die vertrackte Liebesgeschichte zwischen Rob und seiner kurzen Affäre Beth den Zuschauer langweilen können, wird´s nach einem Erdstoß und kurzem Blackout hektisch und spannend. Auch dieser Film beherrscht das Tempo famos. Und schafft das Kunststück, die angedeutete Liebesgeschichte in die Handlung einzubauen, ohne dass es unglaubwürdig oder zu titanic-mäßig wird.

Doch Halt! Stop! Mehr wird nicht verraten. Wer das "Blair Witch Projekt" mochte, weil er die Idee mit den Kameras trickreich fand, sich auch gern mal im Dunkeln fürchtet und Charaktere in Filmen auch dann symphatisch findet, wenn sie getrieben von ihrer Angst Unsinn reden, Unsensibles sagen und immer wieder mit Tränen kämpfen, wird sich bei "Cloverfield" gut aufgehoben finden. Wer sich bloß vom Internet-Hype anstecken ließ und Monsterfilme eigentlich unrealistisch und bescheuert findet, sollte den Film meiden. Er wird auch keine Augen für die cleveren kleinen Einfälle des Films haben, die der Story mit wenig ein Mehr an Tiefgang verleihen. "Cloverfield" ist keine Revolution des Genres. Aber er ist konsequent, durchdacht und nimmt sich und seine Geschichte ernst. Und jeden Zuschauer, der nicht bloß konsumieren, sondern weiter- und mitdenken will. Dazwischen bannt er Szenen von schweißtreibenem Terror und bizarrer Ruhe in einem Tempo auf die Leinwand, dass man die eine oder andere kleine Mogelei, die sich der Film erlaubt, ganz vergißt.

Über den Typen, der, als der Abspann kam, empört rief: "Wie, DAS war´s jetzt?", konnte ich nur traurig den Kopf schütteln. Ich hab mir eine Erwiderung geschenkt. Was mich im Nachhinein ein bißchen ärgert.

Aber nicht jeder findet im Angesicht der Monster etwas über sich heraus. Ich werde ab jetzt versuchen, mich an die Lehren der Jedis zu halten... "Furcht führt zur Dunklen Seite der Macht..."

Code Delphi. Hier aufhören.

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