Donnerstag, 1. April 2010

Ein Haus, doch kein Zuhause

Code Delphi. Hier anfangen.
Als Schauplatz von schaurigen Geschichten haben Häuser einen festen Platz in Literatur und Filmen. Manche Häuser werden zu Tatorten. Manche Häuser werden von ihrer Vergangenheit eingeholt. Manche Häuser werden von den Toten heimgesucht.

Auch das Haus von dem Mark Z. Danielewski in Das Haus - House of Leaves erzählt, ist nicht wie die übrigen Häuser. Aber weder geschieht dort ein Verbrechen. Noch spukt es dort. Die Heimsuchung dieses Hauses ist anders. Und das Buch auch.

Dabei fängt die Geschichte eigentlich harmlos an. Sowohl die des Junkies Johnny Truant, der im Nachlass des alten Mannes mit Namen Zampanò Notizen, Aufzeichnungen und Entwürfe zu einer kulturhistorischen Filmbesprechung findet und sich an die Aufbereitung des umfangreichen Materials macht, welches der verstorbene Blinde zusammengetragen hat. Als auch die des Fotojournalisten Will Navidson, der mit seiner All-American-Dream-Family in ein neues Haus einzieht und diesen Vorgang mit allerlei Videocameras dokumentiert.

Die Betonung liegt auf eigentlich. Denn zunächst verläuft alles wie erwartet. Die Familie nimmt das Haus an der Ash Tree Lane in Besitz. Doch bevor sie sich dort heimisch fühlen können, fallen Navidson beim Vermessen des Hauses kleine Unregelmäßigkeiten auf. Zunächst wirken sie wie Messfehler. Doch als schließlich ein kurzer, völlig schwarzer Flur wie aus dem Nichts auftaucht, beginnt die Situation zu eskalieren. Plötzlich entwickelt das Haus eine - eigentümlich nachtschwarze - Architektur, die nicht nur der Physik und menschlichen Erfahrung spottet, sondern auch das Vorstellungsvermögen übersteigt - oder ist der Film bloß eine geschickte Fälschung?

Johnny wird jedenfalls zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Manuskripts bereits von Alpträumen gequält. Er verliert mehr und mehr das Vertrauen in die Festgefügtheit seiner Umwelt und hat Visionen von nachtschwarzer Dunkelheit. Und der Film, den Will Navidson dreht, wird unter dem Titel "Der Navidson Record" nicht nur Grundlage des Essays von Zampanò, sondern vielleicht verantwortlich für Zampanòs Tod sein. Und dem von allen, welche sich - nur kurz oder zu sehr? - mit dem Film beschäftigen. Aber vielleicht ist das auch nichts weiter als die Paranoia eines Junkies, der nicht nur mit dem interlektuellen Niveau der Filmbesprechung, sondern auch mit seinem Drogenkonsum überfordert ist?

Denn trickreich verweigert Danielewski dem Leser einen Erzähler, auf welchen er sich verlassen kann. Zampanò hat den Film, den er überaus kenntnisreich beschreibt, niemals gesehen - zumal er eigentlich blind ist. Navidson hat zwar angeblich den "Record" über das Haus gedreht, kommt aber sonst nicht zu Wort (und ist auch für Stellungnahme nicht erreichbar). Und Johnny dokumentiert zwar den Prozeß der Entstehung des vollständigen Essays, ist aber als Erzähler unzuverlässig und abschweifend.

Die eigentümliche Faszination der Geschichte liegt aber genau in dieser lückenhaften und sprunghaften Erzählweise. Denn wie bei einem Puzzle werden die Erlebnisse und Erkenntnisse von Navidson und seiner Familie, Zampanò und Johnny Teil für Teil aufgedeckt und zusammengefügt, wieder getrennt und neu geordnet, so dass sich für den Leser von Kapitel zu Kapitel scheinbare und tatsächliche Zusammenhänge ergeben, die nach und nach ein Bild von dem Geschehen im und um das Haus formen.

Dabei entwickelt Danielewski eine Sprache, die ausgesprochen filmisch wirkt, wenn es um den "Record" geht, und simuliert durch die graphische Präsentation des Textes den Entstehungsprozess des Werkes innerhalb des Werkes. Wie bei den Schnitten eines Films liest sich auch das Buch mal schneller und mal langsamer. Und wie Navidson bei den Aufnahmen der bizarren Zimmer, Fluren, Gängen, Türen und Hallen seines Hauses verliert sich der Leser bei der Lektüre in einem Labyrinth von Querverweisen, Fußnoten und Nebensträngen. Zumal er das Buch nicht ruhig in den Händen wird halten können, sondern es schließlich im Wortsinn drehen und wenden muss.

Tiefer und tiefer führt Danielewski seinen Leser dabei in einen geschickt konstruktiven Alptraum, in welchem ein Haus zu einem Ort der inneren und äußeren Hölle wird. Geschickt deshalb, weil er nahezu alle Klichees von Spukhäusern umgeht, er noch mit ihnen spielt und nebenbei ein originelles Grauen schafft, welches in seiner Unbegreiflichkeit die üblichen Verdächtigen - rachsüchtige Geister und höllische Dämonen - in den physikalisch unmöglichen Schatten stellt.

So wird aus einem Haus kein Heim. Und aus einem Buch ein besonderes Vergnügen.
Code Delphi. Hier aufhören.

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