Samstag, 11. Juli 2009

Lass den Richtigen eintreten...

Code Delphi. Hier anfangen.
Im Zuge der gerade akuten Weltwirtschaftskrisen steht ja nicht nur die weitere Existenz von Automobilbauern und Versandhäusern auf der Kippe, sondern auch die von klassichen Kaufhäusern, wie sie in jeder größeren Stadt (noch) zu finden sind. Das Kaufhaus in meiner Stadt, in welchem ich seit ich denken kann zunächst MCs und LPs dann CD und PC-Games und schlußendlich auch DVDs gekauft habe, schließt nun ebenfalls die Pforten - vielleicht gibt´s unter einem neuen Inhaber eine Auferstehung. Das ist noch alles vollkommen unsicher. Und nur die Erklärung, warum ich mich entschieden habe, den Film "So finster die Nacht" (im Original: Låt den rätte komma in; also: Lass den Richtigen eintreten) dort als Rabattangebot zu kaufen. Es wäre nicht so, daß ich nicht gerne Schnäppchen machen. Angesichts meines immer noch eher jämmerlichen Monatsbudget leiste ich mir nicht mal eben eine DVD. Aber ich wollte ein würdigens Andenken. Für den Fall, daß das Kaufhaus nie wieder seine Pforten öffnet.

Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen - ich habe es bekommen. Der schwedische Film über zwei Zwölfjährige von Tomas Alfredson aus dem Jahr 2008 hat ganz recht zahlreiche Festivalpreis gewonnen. Erzählt er doch in stillen, stets wie komponiert wirkenden Bildern eine ganz alltägliche Geschichte unterlegt von zurückhaltender und umso tragenderer Musik. Zumindest auf den ersten Blick. Denn das neue Nachbarmädchen, welchem der Außenseiter Oskar nach Einbruch der Nacht auf einem verschneiten Klettergerüst begegnet, hat die für das winterliche Schweden doch eher ungewöhnliche Angewohnheit im Schlafanzug und barfuß die kleine Wohnung zu verlassen, welche sie mit ihrem Vater zu bewohnen scheint. Einem Vater, der schon bald in einer schonungslos direkten Weise einen Passanten überfällt, um ihn an einem Baum hängend ausbluten zu lassen...

Natürlich weiß der kundige Zuschauer bereits vor Oskar, daß das kleine Mädchen Eli wohl tatsächlich nur "ungefähr zwölf" Jahre alt ist. Werden doch Vampire sehr viel älter. Doch wie schon bei "Being Human" legt auch "So finster die Nacht" den Schwerpunkt nicht auf die Vampireigenschaften oder die Horrorelemente, die blutsaugerisches Treiben nun einmal mit sich bringt. Der Film schockiert und ängstigt den Zuschauer zwar, wenn es sein muß, mit sehr blutigen Bildern, wird dabei aber nie geschmacklos oder übertrieben. Vielmehr er richtet sein Augenmerk auf die langsame Annäherung zweier Fremder, die einiges verbindet und manches trennt. Mit poetischen Bildern einer verschneiten Stadt, meist in Grau oder bei Nacht, die selten zuvor in einem Film so ahnungsvoll und fasettenreich dargeboten wurden. Diese Bilder fangen damit natürlich auch das Unterbewußte ein, das die menschliche Sehnsucht steuert. Dazu paßt es, daß den Figuren oft Raum wie auf einer Bühne gegeben wird, solange sie sich fern sind, und fast intime Nahaufnahmen entstehen, sobald sich diese annähern. Auf diese ruhige Weise gelingt es dem Film, des wachsenden Verständnisses zwischen Junge und Mädchen Ausdruck zu verleihen und damit eine universelle Geschichte über das Erwachsenwerden zu erzählen - jenseits aller "Romeo und Julia"-Theatralik, welche das Thema "Vampir liebt Mensch" in sich trägt.

Zum Gelingen des Filmes trägt auch die restliche Besetzung bei, die in kleinen, aber gut gezeichneten Nebenfiguren, der Umwelt der beiden Gesicht und Glaubwürdigkeit verleiht. Zwar sind weder die in Trennung lebenen Eltern noch die mobbenen Klassenkameraden von Oskar noch die einfachen Einwohner, welche Opfer von Elis Blutdurst werden, besonders originell. Aber sie bleiben stets oberhalb jeden Klichees und damit glaubwürdiger menschlicher Gegenpol. Allerdings einer, der die Geschichte auf ein schauriges Ende zutreiben wird.

Erwachsen zu werden und jemanden ganz und gar zu lieben ist - auch ohne ein Vampir zu sein - eine schmerzhafte Angelegenheit. Und es ist noch schwieriger, dabei den Richtigen zu finden, welchem man Zutritt in seine Wohnung, sein Leben und seine Seele gewährt.
Code Delphi. Hier aufhören.

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